Generalleutnant Otto Gabcke






In keiner kriegerischen Auseinandersetzung der
letzten hundert Jahre hatte die deutsche Generalität einen so hohen Blutzoll
zu leisten wie im II. Weltkrieg, während in den Jahren 1914 bis 1918 63
deutsche Generale den Tod auf dem Schlachtfeld fanden oder an einer dort
erlittenen tödlichen Verwundung starben, belief sich die entsprechende Zahl,
wie die 1953 in 3. Auflage erschienene
Dokumentation " Opfergang der Generale" von Josef
Folttmann und Hanns Möller-Witten
detailliert namentlich ausweist, für den II. Weltkrieg auf nicht weniger als
289 gefallene oder an Verwundung gestorbener Generale bzw. Admirale aller
Wehrmachtsteile (einschließlich Waffen-SS und Polizei), unter diesen Toten
befanden sich u. a. auch sechs Offiziere, die während des I. Weltkrieges mit
dem damals höchsten preußischen Kriegsorden für Offiziere, dem Pour le Merite,
ausgezeichnet worden waren, es waren dies - Generalfeldmarschall Fedor von Bock (1880-1945, Generalleutnant Otto Gabcke (1882-1942), Generalmajor Kurt Kühme (1885-1944), Generalmajor Otto Lancelle (1885-1941), Generalmajor Wolf von Stutterheim (1893 bis1940), Generalmajor Horst von Wolff (1886-1941).
Geboren wurde der in zwei Weltkriegen bewährte Offizier Otto
Gabcke am 20. November 1882 in der altmärkischen Kreisstadt Gardelegen, seine
militärische Karriere begann er nach bestandenem Abitur bereits im Oktober
1903 als Fahnenjunker im 7. Lothringischen Infanterieregiment Nr. 158 in
Paderborn, wo er am 28. 1. 1904 zum Leutnant befördert wurde, als solcher tat
er zunächst in verschiedenen Kompanien seines Regiments Dienst, bis er 1911
zum Adjutanten des I. Bataillons ernannt wurde, in dieser Position rückte er
an Kaisers Geburtstag 1913 (27. Januar) nach neun Leutnantsjahren zum
Oberleutnant auf.
Als Anfang August 1914
der I. Weltkrieg ausbrach, zog Oberleutnant Gabcke
als Führer der I. Kompanie des Infanterieregiments (IR) 158 ins Feld und
erlebte den ganzen Krieg als Truppenoffizier an der Front, bald galt er, am 24. 12. 1914 zum Hauptmann befördert, als das "Muster
eines Frontsoldaten", in seinem Gefechtskalender standen schließlich so
vielgenannte Namen von Stätten schwerer, blutiger Kämpfe wie die Eroberung von
Lüttich, die Schlachten an der Sambre und bei St. Quentin, Reims, Arras,
Lorettohöhe, Lille, Neuve Chapelle, Aubers, Tahure, Champagne, Verdun, Fort
Vaux, Argonnen (Vauquois), Aisne-Champagne, Chemin des Dames, Soissons usw.,
nachdem er am 30. 7. 1918 in der Abwehrschlacht
an der Marne durch eine Granate am rechten Arm verwundet worden war und neben
beiden Eisernen Kreuzen (II. und 1. Klasse) u. a. bereits das Ritterkreuz des
Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern besaß (in etwa dem
Deutschen Kreuz in Gold des II. Weltkrieges vergleichbar), wurde Hauptmann Gabcke am 12.8.1918
von seinem Regimentskommandeur zum Pour le Merite eingegeben.
In den Offensiven dieses Jahres zeichnete er
sich wieder besonders aus, während der letzten Kämpfe des 21. und 22.07.1918
wies das Bataillon Gabcke im Abschnitt Marfaux-Reimser Wald mehrere
Teilangriffe ab, am 23. 7. schritt der Feind zu
einem größeren Angriff, er griff in dichten Kolonnen und im
Batalllonsabschnitt mit sieben Tanks an, ungeachtet der feindlichen Feuerwalze
ging Hauptmann Gabcke von seinem Gefechtsstand
nach vorn und brachte durch geschicktes Einsetzen seiner wenigen Reserven den
Ansturm zum Scheitern, durch rücksichtsloses Einsetzen seiner eigenen Person
in der vorderen Linie seinen Männern ein glänzendes Beispiel gebend, gelang es
ihm, den Arde-Grund bis zum allgemeinen Rückzug zu behaupten
"Die Verleihung des Ordens Pour le Merite an
diesen hervorragenden Offizier wird... befürwortet", befand damals Gabckes
Divisionskommandeur, General von Derschau, er
fügte dem noch hinzu: "Hauptmann Gabcke ist die markanteste Persönlichkeit
der Division. Durch die frühzeitige Erstürmung der Viller-Berge wurde das
Vorwärtskommen der Division gegen die Aisne einzig und allein ermöglicht."
Am 1. 9. 1918 erfolgte dann die Verleihung der hohen
Auszeichnung an Hauptmann Gabcke durch Allerhöchste Kabinettsorder.
Nach dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 führte der inzwischen von
seiner Verwundung genesene Hauptmann sein Bataillon in die Heimat zurück, am 7.2. 1919 gründete er auf Verfügung des
Generalleutnants Oskar Freiherr von Watter
(1861-1939), des Reichswehr-Befehlshabers im Wehrkreis VI (Münster), das "Freikorps
Gabcke", eine Freiwilligentruppe in Regimentsstärke, sie bestand aus 30
Offizieren sowie rund 1700 Unteroffizieren und Freiwilligen mit 200 Pferden
und gliederte sich in zwei Infanteriebataillone, 2 MG-Kompanien, je eine
Minenwerfer- und Nachrichtenkompanie, Kraftfahrkolonne und eine
Batterieartillerie, mit dieser Truppe nahm Gabcke
im Rahmen der "Division Münster" an der Unterdrückung der
kommunistischen Unruhen im rheinisch-westfälischen Industriegebiet teil, wobei
den Reichswehrtruppen und Freikorps eine "Rote Armee" von insgesamt
60.000 Mann gegenüberstand und im Ruhrgebiet etwa 1200 Menschen den Tod fanden.
Anschließend entstand aus dem "Freikorps
Gabcke" das Ergänzungsbataillon des Reichswehr-Infanterieregiments 18 und
später das III. Bataillon des IR 14 (Detmold), Gabcke
selbst wurde als Hauptmann in das IR 18 (Paderborn) übernommen, nach der
Beförderung zum Major - am 1. 2.1927 - wurde Gabcke als Lehrer an die Infanterieschule Dresden
kommandiert, am 1. 4.1931 zum Oberstleutnant
befördert, wurde er als Kommandeur des III. Bataillons des IR 15 nach Kassel
versetzt, von dort ging er am 1. 2. 1933 als
Regimentskommandeur des IR 3 nach Preußisch-Eylau (Ostpreußen), wo am 1.10.1933 seine Beförderung zum Oberst erfolgte.
Am Ausbau des 100.000-Mann-Heeres der
Reichswehr zur Wehrmacht wirkte Oberst Gabcke ab 1. 4. 1935 als Inspekteur der
Wehrersatzinspektion Leipzig mit, in dieser Funktion rückte er am 1. 10. 1936 zum Generalmajor auf und war bei
Ausbruch des II. Weltkrieges im September 1939
charakterisierter Generalleutnant, d. h., er durfte zwar die Uniform eines
Generalleutnants tragen, erhielt aber nicht die entsprechenden Gebührnisse, am
15. 2. 1940 wurde ihm noch einmal ein Truppenkommando übertragen, er
wurde mit dem Kommando über die als Division 8. Welle im Bereich des
Wehrkreises IV (Dresden) in Aufstellung begriffene 294. Infanterie-Division
betraut.
Im Westfeldzug des Monats
Mai 1940 machte die 294. ID den Vormarsch aus dem Raum Kempen nach
Holland und Belgien mit und nahm an den Kämpfen im Raum Mechelen teil, es
folgten Sicherungsaufgaben südostwärts von Laon und Abwehreinsätze an der
Aisne, Kämpfe im Raum Reims und weiterer Vormarsch über Troyes bis zur Yonne
im Raum Corbigny, dort verblieb die Division nach Beendigung der Kämpfe in
Frankreich als Besatzungstruppe.
Den
nächsten Einsatz gab es im Frühjahr 1941 auf dem Balkan mit Teilnahme am
Feldzug gegen Jugoslawien, als am 22. Juni 1941 der Krieg gegen die
Sowjetunion seinen Anfang nahm, marschierte die 294. ID aus der Gegend von
Lemberg in den Raum Shitomir, es folgten die Teilnahme an der Kiewer
Kesselschlacht im September/Oktober 1941 und der Vorstoß an den Donez bei
Charkow im Rahmen der 6. Armee.
Schon am 26.12.1941
fanden die Führungsleistungen des inzwischen zum "richtigen"
Generalleutnant beförderten Divisionskommandeurs Gabcke
(0l.02.1941) verdiente Anerkennung durch die Verleihung des Deutschen Kreuzes
in Gold, auch bei den folgenden Stellungskämpfen im Raum ostwärts von Charkow
während der ersten Monate des Jahres 1942 war
General Gabcke - wie schon im I. Weltkrieg -
immer da zu finden, wo es hart zuging, dabei fand er am
22. März 1942 im Alter von knapp 60 Jahren den Soldatentod.
Sein Nachfolger wurde der bisherige Kommandeur des IR 202,
Ritterkreuzträger
Johannes Block, der im letzten Kriegsjahr am 26.01.1945 als
General der Infanterie und Kommandierender General des LVI. Panzerkorps bei Kielce ebenfalls vor dem Feinde blieb