
Admiral Günther Guse
als im März 1935
im Deutschen Reich die allgemeine Wehrpflicht wiedereingeführt und der bis
dahin geheime und getarnte Ausbau des 100 000-MannHeeres und der
15-000-Mann-Marine der Reichswehr zur weit größeren Wehrmacht sowie das
Wiedererstehen einer deutschen Luftwaffe offiziell bekanntgegeben wurden, zog
das auch eine Reihe von Umbenennungen und sonstigen Veränderungen in der
Spitzenorganisation der Streitkräfte nach sich, so wurde die bisherige
Reichsmarine in Kriegsmarine umbenannt, aus dem Chef der Marineleitung wurde
ein Oberbefehlshaber der Marine (ObdM), und die Marineleitung hieß ab 1. Juni 1935 Oberkommando der Kriegsmarine (OKM),
ein offizieller Admiralstab wie zu Kaisers Zeiten - entsprechend dem aus dem
Truppenamt des Reichswehrministeriums hervorgegangenen Generalstab des Heeres
- entstand nicht wieder, statt dessen wurde der Chef des Marinekommandoamtes,
der damalige Konteradmiral Guse, 1937 zugleich mit den Funktionen eines Chefs des
Stabes der Seekriegsleitung (C/Skl) betraut, der seinerseits dem
Oberbefehlshaber der Marine, Admiral Dr. h. c. (ehrenhalber) Raeder, in dessen Eigenschaft als "Chef der
Seekriegsleitung" unmittelbar unterstellt war, er hatte damit beachtlichen
Einfluss auf die operativen Planungen und den Ausbau der deutschen
Kriegsmarine
dass der Name dieses jahrelang in
herausgehobenen Stellungen der Marineleitung hochbewährten Seeoffiziers
dennoch in der Marine- und Seekriegsliteratur über den II. Weltkrieg nicht
sonderlich häufig Erwähnung findet, mag damit zu erklären sein, daß Admiral Guse nach Kriegsbeginn an Entscheidungen der
Seekriegsführung nicht mehr beteiligt war, bereits im
März 1943 aus dem aktiven Marinedienst endgültig ausschied, schließlich
zehn Jahre später in sowjetischer Kriegsgefangenschaft starb und somit keine
schriftlichen Erinnerungen mehr hinterlassen bzw. später von Historikern auch
nicht mehr befragt werden, konnte
geboren wurde der nachmalige Admiral und
Chef des Stabes der Seekriegsleitung Günther Guse
am 30.Juni 1886 in Stettin, der Hauptstadt der
preußischen Provinz Pommern, er war demnach zehn Jahre jünger als sein
Oberbefehlshaber Raeder (geboren 1876) und fünf
Jahre älter als dessen Nachfolger Dönitz (geboren
1891), am 1. April 1905 trat Günther Guse in die Kaiserliche Marine ein, zur
gleichen Crew (Seekadetten- bzw. Seeoffiziersjahrgang) gehörten übrigens auch
die späteren Admirale Wilhelm Canaris und Karl-Georg Schuster, nach der Beförderung zum
Leutnant z. S. am 28.9.1905 tat Günther Guse auf dem Kleinen Kreuzer SMS (Seiner
Majestät Schiff) "BERLIN" Dienst und stand seitdem in der Rangliste der
deutschen Marine jahrzehntelang stets unmittelbar hinter seinen Crewkameraden Canaris und Schuster, als Oberleutnant z. S. (seit 29.8.1910) kam Guse
zur Torpedowaffe, bei der er auch den größten Teil des I. Weltkrieges
verbrachte, ab 1910 tat er in der VI.
Torpedobootsflottille Dienst und fuhr auf dem Flottillenführerboot "X 185",
ab August 1914 gehörte er dem Stabe des Führers
der Torpedoboote (FdT) an und wurde während dieser Zeit im Oktober 1915 zum Kapitänleutnant befördert, nach
einer Zwischentätigkeit als Referent in der Torpedoinspektion von Januar bis November 1916
stand Kapitänleutnant Guse wieder im Fronteinsatz
als Kommandant der Torpedoboote "V 80" und "S 38", bis er im April 1918 als Flaggleutnant (Adjutant) zu den
Hochseestreitkräften versetzt wurde
nach dem Krieg diente
Guse in der kleinen Reichsmarine weiter, wo er am
1. 1. 1924 - im Alter von knapp achtunddreißig Jahren - die Beförderung
zum Korvettenkapitän erlebte und damit in die Rangklasse der Stabsoffiziere
aufrückte, fünf Jahre später war er Fregattenkapitän (1. 6. 1929) und
erreichte bereits am 1. 10. 1931 als
Mittvierziger den Rang eines Kapitäns z. S., inzwischen hatte er seine
Erfahrungen und Kenntnisse in mehrfachem Wechsel zwischen Stabs- und
Bordkommandos ständig erweitern und sich für höhere Aufgaben qualifizieren
können, 1932 wurde Kapitän z. S. Guse Chef der zum Kommandoamt gehörenden
wichtigen Flottenabteilung (A 1), damit war er schon einer der engsten
Mitarbeiter des damaligen Chefs der Marineleitung, Admiral Dr. h. c. Erich Raeder - seit 1. 10. 1928 als Nachfolger des Admirals Zenker in dieser Funktion
1934 wurde Guse dann selbst Chef des Marinekommandoamtes,
das für sämtliche rein militärischen Fragen in der Marineleitung zuständig
war, dem Kommandoamt, aus dem am 10.2.1933 eines
von vier Hauptämtern der Marineleitung wurde, unterstanden neben der
Flottenabteilung (A1) die Marine-Organisationsabteilung (AII), der
Marinenachrichtendienst (A111) und die Marineausbildungsabteilung (AIV), im
Marinekommandoamt wurden damals unter Leitung Guses, der am
1. 4.1935 mit der Beförderung zum Konteradmiral in die Admiralität
aufstieg, die Grundlagen für eine mögliche Seekriegsführung erarbeitet, die
dann später von der Operationsabteilung übernommen wurden, diese sollte im
Kriegsfalle als Seekriegsleitung fungieren
gemäß der ab 1937
geltenden Personalunion zwischen dem Chef des Marinekommandoamtes und dem Chef
des Stabes der Seekriegsleitung, dem nunmehrigen Vizeadmiral Guse (seit 1. 11. 1937), unterstanden diesem
schließlich die Operationsabteilung (zugleich 1. Abteilung der
Seekriegsleitung), die Organisationsabteilung (A 11), die Abteilung
Marinenachrichtendienst (zugleich 3. Abteilung der Seekriegsleitung), die
Ausbildungsabteilung (A IV) und die Flottenabteilung (A V), in seine
Amtsführung fielen so wichtige Ereignisse wie der deutsch-englische
Flottenvertrag vom 18.6.1935, in dem Guse die "Basis einer dauernden Verständigung
mit England" sah und ein "voll befriedigendes" Abkommen, "das
alle Flottenrivalitäten ausschließen sollte", und der Beitritt
Deutschlands zum U-Boot-Abkommen der Seemächte am
23.11.1936 sowie der Einsatz deutscher Seestreitkräfte in den
spanischen Gewässern ab Sommer 1936, als
Fehleinschätzung erwies sich später Guses Überzeugung. daß mit einem Krieg
gegen England ebensowenig zu rechnen sei wie mit einem uneingeschränkten
Unterseebootkrieg, Guses Unterschrift trägt auch die im
Juli 1938 vorgelegte "England-Denkschrift" über die "Möglichkeiten
einer Seekriegsführung gegen England und die sich daraus ergebenden
Forderungen für die strategische Zielsetzung und den Aufbau der Kriegsmarine",
ihr Verfasser war der Fregattenkapitän Hellmuth Heye
(1895-1970), damals Operationsoffizier der Seekriegsleitung, im Krieg zuletzt
Vizeadmiral und Führer der Kleinkampfverbände der Marine, nach dem Krieg
CDU-Bundestagsabgeordneter, Vorsitzender des Deutschen Marinebundes und erster
Wehrbeauftragter des deutschen Bundestages
am 20.8.1938
wurde Vizeadmiral Guse auch noch Vorsitzender
eines "Planungsausschusses", der Vorschläge auszuarbeiten hatte, die
dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine die Möglichkeit geben sollten, eine,
einheitliche Auffassung über strategische Grundlagen für den gesamten Aufbau
der Kriegsmarine - je nach dem Wechsel der politischen Lage sowie über die
sich daraus für die Typengestaltung der Neubauten ergebenden Folgerungen
festzulegen und danach die Entscheidungen für die militärischen Forderungen an
den Schiffsneubau und sonstige Planungen der Kriegsmarine zu treffen, neben Guse gehörten diesem Ausschuss folgende
Marineoffiziere als ständige Mitglieder an: Fregattenkapitän Heye (la/1/Skl), Vizeadmiral von Fischel (Vorsitzender des Neubauausschusses
und zugleich Amtschef des Allgemeinen Marineamtes), Kapitän z. S. Fricke (Chef 1./Skl), Konteradmiral Fuchs (Chef der Flottenabteilung), Kapitän z. S. Riedel (Stabschef des Marinewaffenamtes),
außerdem nahmen Admiral Witzell, der Amtschef des
Marinewaffenamtes, und Konteradmiral Schniewind,
Chef des Marinewehramtes und späterer Nachfolger Guses, häufig an den
Ausschusssitzungen teil
zur Ablösung Guses durch Schniewind kam es am 1. 11.
1938, nachdem die Ergebnisse der Beratungen des Planungsausschusses
Generaladmiral Raeder am
31.10.1938 vorgetragen worden waren, die dann in den sogenannten "Z-Plan"
einmündeten, in dem der Flottenausbau bis Ende 1945
festgelegt wurde
Vizeadmiral Guse
trat nunmehr an die Spitze der Marinenachrichteninspektion und hatte damit für
die Marine etwa die gleichen Aufgaben wahrzunehmen wie die Generale Fellgiebel - und später
Praun - für das Heer, Martini für die
Luftwaffe und Sachs für die Waffen-SS, außerdem
war Guse, der am 1.1.1940
zum Admiral ("Volladmiral") befördert wurde, auch "Präses des
Nachrichtenmittel-Erprobungskommandos"
im Januar 1940
erhielt er noch einmal einen Kommandoposten: Er wurde stellvertretender
Kommandierender Admiral der Marinestation der Ostsee, im
Februar 1940 wurde er offiziell mit der Vertretung des bisherigen
Stelleninhabers betraut und schließlich im September
1940 selbst zum Kommandierenden Admiral der Marinestation der Ostsee
ernannt, daraus wurde im Februar 1943 die
Position eines Oberbefehlshabers des Marineoberkommandos Ost, nachdem Dönitz Anfang 1943
anstelle Raeders von Hitler zum Oberbefehlshaber
der Kriegsmarine und Chef der Seekriegsleitung ernannt und unter Überspringung
des Ranges eines Generaladmirals zum Großadmiral befördert worden war, schied Guse - wie die meisten dienstältesten Admirale -
aus dem aktiven Marinedienst aus, er wurde im März 1943
zunächst beurlaubt und bald darauf unter z.V.-Stellung als Marine-OB Ost
abgelöst
das bewahrte ihn bei Kriegsende 1945 allerdings nicht vor der Verschleppung in
die Sowjetunion, wo sein Leben am 6. Mai 1953 in
einem Kriegsgefangenenlager endete, wie er kehrten auch
Generaladmiral Alfred Saalwächter, die
Admirale Hermann von Fischel und Werner Tilessen sowie Vizeadmiral Friedrich Götting nicht aus sowjetischer
Gefangenschaft zurück