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Erzbischof Anno II. von Köln

Das 11. Jahrhundert zeichnet sich im Rahmen der mittelalterlichen Geschichte als eine Zeit tiefgreifender Wandlungen aus. Das Herrschaftssystem des ottonischen Kaiserhauses gerät unter der salischen Dynastie ins Wanken. Als katastrophale Erschütterung treffen die Auseinandersetzungen des Investiturstreites das Abendland. Es beginnt die Epoche der Kreuzzüge, mit der sich eine völlig neue Weltsicht vorbereitet. Wandlungen auf gesellschaftlichem Gebiet bahnen sich an, z.B. der Aufstieg des Rittertums und der Städte. Verbunden mit dem Wachstum der Bevölkerung und der neuen Belebung des Handels setzt eine neue Entwicklung auf wirtschaftlichern Gebiet ein. Eine interessante Persönlichkeit in der Geschichte dieser Epoche voller Bewegung ist Erzbischof Anno II. von Köln (1056-75).

Anno von Steußlingen, um 1010 in einem schwäbischen Geschlecht von „Freien" geboren und damit nicht adeliger Herkunft, war ein Emporkömmling in den herrschenden Kreisen seiner Zeit. Er hatte zuerst eine Ausbildung zum Ritter begonnen, entschied sich dann jedoch für die geistliche Laufbahn. Ab 1036 finden wir ihn als Domscholaster (Lehrer) an der Kathedralschule in Bamberg. Der eigentliche Beginn seiner Karriere setzte hier ein, als nämlich Heinrich III., der stets auf der Suche nach geeigneten jungen „Führungskräften" aus dem geistlichen Stand war, Anno im Jahre 1046 an den kaiserlichen Hof übernahm. Zwischen beiden muss ein starkes Vertrauensverhältnis entstanden sein. Zeitweise war Anno des Kaisers Beichtvater — ein strenger, wie uns überliefert ist. Ob er auch in der Hofkanzlei tätig war, steht nicht ganz fest. 1054 ernannte ihn Heinrich III. zum Propst am Reichsstift Goslar und 1056 berief er ihn auf den erzbischöflichen Stuhl in Köln. Dies war nun tatsächlich ein schwindelerregender Aufstieg! War doch mit dem Kölner Amt seit 1052 durch päpstliche Bestätigung das Recht der Königskrönung und seit 1031 das Erzkanzlertum der römischen Kirche fest verbunden. Letztere Würde erhielt Anno im Jahre 1057. So war ihm der Aufstieg zu einer der wichtigsten Machtpositionen im Reich gelungen und sein gewöhnlicher Ehrgeiz hätte voll und ganz befriedigt sein können. Anno sah sich jedoch noch keineswegs am Ziel seines Strebens. Nach allem, was wir über ihn wissen, muss er ein Mann von großer Energie und Eigenwilligkeit gewesen sein — oder auch von Machtgier und Rücksichtslosigkeit, wie seine Gegner unter den Zeitgenossen behaupten.

Unter Heinrich III. hatte das Kaisertum auf einem Gipfel seiner Macht gestanden. Der Herrscher war selbst ein Anhänger der cluniazensischen Reformbewegung, wollte jedoch seinen Führungsanspruch als kaiserlicher Schutzherr keineswegs aufgeben. Ein Simonieverbot wurde von ihm gegen den Kauf geistlicher Ämter erlassen. Um das Papsttum von den Parteikämpfen des römischen Adels unabhängig zu machen, übernahm er es selbst, die verwickelte Lage zu klären. Im Jahre 1046 auf den Synoden von Sutri und Rom wurde das Gegeneinander dreier Päpste, die gleichzeitig Anspruch auf den Thron Petri erhoben, durch kaiserliches Eingreifen aufgehoben. Heinrich III. sorgte für die Ernennung von Kandidaten des reformatorisch gesinnten Klerus und stützte sich dabei besonders auf Geistliche aus dem deutschen Teil seines Reiches. Man kann geradezu von der Periode eines deutschen Papsttums sprechen.
Unbestritten übte er die Investitur der Bischöfe und Äbte im Reiche aus, ein Anspruch, der sich auf die Herrschaft Ottos I. über die Reichskirche zurückführen lässt, gegründet auf die damalige Erweiterung von Immunität und Königsschutz. So erhielt Anno in Koblenz vom Kaiser Ring und Stab als Zeichen geistlicher Gewalt. Die Darstellung dieser Szene auf einem gruben-schmelzgeschmückten Metallplättchen aus dem 12. Jahrhundert zeigt hingegen nur die Übergabe des Lehenszeichens für die weltliche Territorialherrschaft des neuen Erzbischofs. Der Künstler hat den Vorgang der Situation dem Wormser Konkordat angepasst, das den Investiturstreit im Jahre 1122 abschloss. Die Temporalia, die weltlichen Königsrechte, waren nun von den geistlichen Befugnissen, den Spiritualia, abgesondert und der König hatte auf die Investitur mit Ring und Stab verzichtet — eine Situation, die im Jahre 1056, als Anno ernannt wurde, noch undenkbar schien.
Heinrich 111. starb mit 39 Jahren —noch im selben Jahr, in dem Anno Erzbischof wurde. Der Thronfolger, Heinrich IV., war zwar schon 1053 zum König gewählt und 1054 gekrönt worden, zählte jedoch 1056 erst sechs Jahre und war damit noch längst nicht mündig. Die Regierung führte seine Mutter Agnes von Poitou unter großen Schwierigkeiten und mit nicht eben glücklicher Hand. Papsttum und Adel im Reich nützten die Gelegenheit, ihre Stellung auszubauen. Dem hohen Adel gelang es, königlichen Besitz und königliche Rechte an sich zu bringen. Dem jungen König standen schwere Auseinandersetzungen bevor. Zunächst trat jedoch ein Ereignis in den Gang der Entwicklung, das schlagartig neue Bedingungen schuf: Anno von Köln ließ den jungen König entführen und übernahm damit dessen Erziehung sowie für einige Jahre faktisch die Regentschaft im Reich.
Der Chronist und Mönch Lampert von Hersfeld gibt in seinen Annalen (1038-75) einen farbigen Bericht des Geschehens. Der Hof hielt sich im April 1062 in Kaiserswerth am Rhein auf, wohin Anno mit einem erzbischöflichen Schiff kam. Man lockte den 12jährigen König an Bord, setzte ihn gefangen und vereitelte jeden Flucht- und Befreiungsversuch. Anno kann diesen Staatsstreich nicht ohne Mitverschworene aus den Reihen des hohen Adels und der Kirchenfürsten geplant haben. In der Tat scheint er seit einiger Zeit der Führer der Adelspositionen gegen die Regentschaft der Kaiserin gewesen zu sein. Manche zeitgenössischen Chronisten verurteilten seine Handlungsweise als Gewaltpolitik und beschuldigten ihn der rücksichtslosen Machterwerbung. Ferner warf man ihm vor, sich für den Ausbau seiner Position bereits frühzeitig eine Klientel von geistlichen und weltlichen Herren verschafft zu haben. So hatte er seinen Bruder Werinher, jetzt Bischof von Magdeburg, und mehrere Verwandte in hohe kirchliche Ämter gebracht — gelegentlich sogar mit gewaltsamen Mitteln. Es gab jedoch auch einflussreiche Befürworter seiner Politik, beispielsweise Petrus Damiani, Kardinalbischof von Ostia und führender Vertreter der Kirchenreform. Er bestätigte Anno in einem Brief, er habe das Reich und den König aus großen Gefahren errettet. Anno selbst, der nun die Erziehung des Königs übernahm, berief sich auf die Bestimmung, stets sei derjenige Bischof für das Reichswohl zuständig, in dessen Diözese der König sich aufhalte.
Das Verhältnis zwischen ihm und Heinrich IV. blieb stets gespannt und bei der Schwertleite des Königs wäre es fast zu Tätlichkeiten gegen den Kölner Erzbischof gekommen. Bald verdrängte der Erzbischof Adalbert von Bremen Anno in der Reichsregierung. Dennoch erfüllte dieser bis zu seiner Entlassung aus dem Königsdienst, die 1072 auf eigenen Wunsch erfolgte, wichtige Funktionen in der Führung des Reiches. Daneben ist die vermittelnde Tätigkeit zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt eine seiner wichtigen Aufgaben gewesen.

Im Mai und Juni 1064 leitete Anno von Köln die Verhandlungen auf dem Konzil zu Mantua, dessen Ziel es war, das sogenannte Schisma des Cadulus zu beenden. Cadulus war Bischof von Parma gewesen und im Oktober 1061 in Basel zum Gegenpapst erhoben worden. Agnes hatte ihn anerkannt, und der lombardische Episkopat hatte ihn unterstützt. In Rom war jedoch im selben Monat durch die Reformpartei der Bischof Anselm von Lucca als Alexander II. eigenmächtig zum Papst proklamiert worden, da die Entscheidung der Kaiserin auf sich warten ließ. Es handelte sich also um einen Konflikt zwischen dem Hof und den Reformern, dessen Bereinigung Anno übernahm. Die Entscheidung fiel für Alexander, doch hat die Strenge, mit der Anno die Untersuchungen führte, ihm bei den Reformern keine Sympathien geschaffen. Der Königshof war ebenfalls verärgert, weil sein Einfluss durch diese Entscheidung entscheidend verringert wurde.
So zeichnete sich immer deutlicher ab, daß Anno, der auf Vermittlung eingestellt war, keinem der beiden Lager im sich zuspitzenden Konflikt zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt wirklich angehörte. Er war zweifellos ein Befürworter der Reform. Aber was war eigentlich zu jenem Zeitpunkt unter diesem Begriff zu verstehen? Zunächst handelte es sich um eine klösterliche Erneuerungsbewegung, die von der mächtigen Abtei Cluny in Burgund ausging und für die Befreiung der Kirche von weltlicher Abhängigkeit, für die Erneuerung des strengen Mönchtums, gegen die Simonie und für das Zölibat eintrat. Der Kauf geistlicher Ämter und die Verehelichung von Priestern war zu Annos Zeit alltägliches Geschehen.
Anno selbst bezweckte mit seiner Klostergründung auf dem Michaelsberg in Siegburg, ein Musterkloster für die Idee der geistlichen Selbständigkeit zu schaffen. Er schuf ein Modell, freilich zugleich für die verstärkte Verfügungsgewalt des Bischofs. Anno übertrug selbst die Siegburger Reform auf andere Klöster und es waren zahlreiche Nachahmungen im ganzen Reich zu beobachten. Damit stand der Kölner Erzbischof aber noch keineswegs, völlig auf der Seite Papst Gregors VII., der 1073 sein Amt antrat und die reformatorischen Forderungen entschieden weiter steckte. Gregor war bereits zuvor als Diakon Hildebrand das Haupt der Reformbewegung gewesen. Diese hatte sich unter Leo IX. (1049-54) in Rom etablieren können. Nicolaus II. (1058-61) hatte mit seinem Dekret im Jahre 1059 die Papstwahl endgültig dem Kardinalskollegium zugesprochen, dessen Entscheidung nur noch einer formalen nachträglichen Zustimmung der Geistlichkeit und des Volkes von Rom bedurfte. Ziel war die Ausschaltung jeder weltlichen Einflußnahme und besonders auch der kaiserlichen Mitbestimmung. Zu diesem Zeitpunkte hatte die Reform bereits einen deutlich antikaiserlichen Charakter.
Zu den Kräften, welche die Reform stützten, gehörte auch die „Pataria", eine oberitalienische Volksbewegung, die seit 1057 besonders gegen Ämterkauf und Priesterehe in der reichen und adeligen Mailänder Reichskirche rebellierte. Ab 1066 entwickelte diese Bewegung eine neue, verstärkte Aktivität. Papst Gregor selbst war Mönch in Cluny gewesen, am Ursprungsort der Reformbewegung.
Nach dem Tode des Petrus Damiani (1072), der eine Erneuerung der Kirche von Papst und Kaiser gemeinsam verwirklicht sehen wollte, war der Weg frei für eine härtere römische Politik. Gregor wollte jede Investitur Geistlicher durch weltliche Herren abschaffen und die Herrschergewalt des Papstes in der Kirche voll verwirklichen. Die libertas ecclesiae bedeutete für ihn sogar darüber hinaus die Lenkung der ganzen christlichen Welt durch die Kirche. Gregor trat für seine Grundsätze, die im dictatus papae niedergelegt wurden, mit geradezu fanatischem Eifer ein. Keineswegs waren alle Bischöfe ganz auf seiner Seite, auch Anno nicht.
Ein Brief des Papstes ermahnte ihn mit scharfen Wendungen zu engerer Bindung an die römische Politik. Die Situation spitzte sich zu. Auf der Fastensynode 1075 erneuerte Gregor das päpstliche Verbot jeder Laieninvestitur. Er machte jetzt offen Front gegen Heinrich IV., der durch den Sieg über einen Aufstand in Sachsen zur gleichen Zeit seine Machtstellung im Reich für sehr gefestigt halten durfte. Anno hielt sich in der Zeit der Krise mehrmals in Rom auf, wo er Freunde und Feinde gleichermaßen hatte. 1068 reiste er als königlicher Legat in diplomatischer Mission zum Papst. 1070 weilte er erneut bei Alexander, weil er sich gegen den Vorwurf der Simonie zu verteidigen hatte. 1073 kam er wieder als Gesandter, der über rückständige Zahlungen zu verhandeln hatte, zum Heiligen Stuhl. Er sah sich mitten in den Zwiespalt zweier Positionen gestellt, deren gemeinsames Handeln er stets zu vermitteln gehofft hatte. Die spektakulärsten Ereignisse des Investiturstreites fanden allerdings erst nach seinem Tod (04. Dezember 1075) statt: Die gegenseitige Absetzung von Kaiser und Papst (1076), die Unterwerfung Heinrichs in Canossa (1077) und die spätere Vertreibung Gregors aus Rom (1084).
Der Kampf der höchsten irdischen Autoritäten traf die mittelalterliche Welt als katastrophale Erschütterung. Demgegenüber verblasste ein Ereignis von ebenso großer Tragweite, das bereits im Jahre 1054 stattgefunden hatte: Die westlich-römische und die östlich-byzantinische Kirche spalteten sich
endgültig in zwei getrennte Blöcke, für deren Vereinigung keine Aussicht mehr bestand. Dennoch gab es weiterhin Verbindungen zum Bosporus, Anno selbst hat Gesandte ins "östliche Rom" geschickt, die ihm eine kostbare Kreuzreliquie als Geschenk zurückbrachten. Überhaupt betrieb er den Erwerb von Reliquien mit großem Nachdruck — und nicht immer auf einwandfreie Weise. So wird uns berichtet, daß er in St. Maurice den Küster bestach, um dem dortigen Schatz die gewünschten Kleinodien entnehmen zu können.
Auf der Darstellung Annos in der „Vita Annonis minor", die im Zusammenhang mit seiner Heiligsprechung (1183) in Siegburg entstand, sehen wir den Erzbischof in vollem Ornat mit fünf Phantasiemodellen der Kirchen, die von ihm gegründet wurden: Die Stiftskirchen St. Maria ad gradus und St. Georg in Köln sowie die Klöster in Siegburg, Grafschaft (Sauerland) und Saalfeld (Thüringen). Die großen Ausgaben, die er zum Nutzen seiner Kirche gemacht hat, sind von geistlichen Chronisten immer wieder als besondere Ruhmestaten hervorgehoben worden. Zu den Bürgern seiner Stadt hatte Anno hingegen ein ziemlich gespanntes Verhältnis.

Die Kölner waren enttäuscht, als Heinrich III., ohne ihr Gewohnheitsrecht auf Mitsprache zu beachten, Anno von Steußlingen, einen unbekannten Kleriker, zum Erzbischof und damit auch zum weltlichen Herren ihrer Stadt ernannt. Der "Emporkömmling" verschaffte sich jedoch bald Respekt. Anno baute zielstrebig seine Positionen als Territorialherr aus. Dabei gab es kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Pfalzgrafen Heinrich vom Niederrhein, der eine Niederlage erlebte und später in Wahnsinn endete. Von ihm wurde Anno 1059/60 die Festung Siegburg abgetreten, ein strategisch wichtiger Platz, an dem der Erzbischof das Kloster stiftete. Es war stets seine liebste Gründung, wo er nach seinem Zerwürfnis mit den Kölnern auch begraben werden wollte. Einen anderen langwierigeren Streit führte Anno mit den Mönchen von Stablo um den Besitz des Klosters Malmedy. In dem Bericht, den der Chronist Godefried kurz nach ihrem Sieg (1071) aus der Sicht seiner Gegner verfasste, erscheint Anno als starrsinnig und machthungrig.
Zweifellos erwirkten Annos Energie und seine Hartnäckigkeit manchen Vorteil für die Wirtschaft und das geistliche Leben seiner Stadt, deren Ruf als „deutsches Rom" er nachdrücklich förderte. Dennoch respektierten die Kölner ihn, ohne ihn zu lieben. Vielmehr ist manches böse Wort gegen den Erzbischof in zeitgenössischen Berichten überliefert. Allerdings war er frei von persönlichem, Gewinnstreben und raffte Besitztümer nur für seine Kirchen. Den vielen Armen seiner Stadt widmete er sogar eine besondere Fürsorge. Den Adel jedoch stieß er vor den Kopf, und die aufstrebenden bürgerlichen Kräfte ließ er nicht zu politischem Einfluss kommen. Das galt besonders für die reichen Kaufleute von Köln, die im reichen Rheinviertel wohnten und weitgespannte Handelsbeziehungen unterhielten. Ihren Aktivitäten verdankte die Stadt einen großen Teil ihres Wohlstandes.
Anno galt bei dieser Schicht als hochfahrend und despotisch. Kein Wunder, daß es Spannungen gab, die auf Entladung drängten. Ein scheinbar beiläufiger Anlass lieferte am Ostermontag 1074 den zündenden Funken. Anno wollte für einen Staatsgast ein Kaufmannsschiff beschlagnahmen lassen. Der Besitzer weigerte sich gegen diese Dienstleistung, und im Nu waren Tätlichkeiten ausgebrochen. Der Aufstand griff rasch um sich — nur erklärbar aus den lange aufgestauten Emotionen weiter Kreise. Anmaßung und tyrannisches Gebaren wurden Anno vorgeworfen. Rasch hatte sich die Menge bewaffnet und belagerte den Bischofshof. Einige von Annos Wachen wurden getötet; dann waren die Tore aufgebrochen, und die Plünderung begann. Anno selbst schwebte in Lebensgefahr.
Er floh zunächst in den Dom — das war damals noch der alte, karolingische Bau, eine kraftvoll gedrungene Anlage mit zwei Chören und einem weiten Atrium. Auch hier, am Ort, wo er die Weihe empfangen hatte, konnte er sich jedoch nicht sicher fühlen. Der Zufall kam ihm zu Hilfe: Kürzlich war ein Gang geschaffen worden, der durch den Stadtgraben außerhalb der Befestigungen ins Freie führte. Dieser "Annostollen" ist bei Grabungen 20. Jahrhundert gefunden worden und kann heute noch besichtigt werden. Durch ihn gelang dem bedrängten Stadtherren die Flucht. Schon wenige Tage später kehrte er mit einem rasch versammelten Heer aus Neuß zurück. Die Stadt musste sich ergeben und der Erzbischof hielt gnadenloses Strafgericht. Die Anführer des Aufstandes wurden geblendet.
Alle Kölner, die vor der Vergeltung zum König flohen, belegte Anno mit dem Bann. Es sollen nicht weniger als 600 gewesen sein, vor allem Kaufleute. Dieses Gericht war wohl nicht frei von Rachsucht und selbst sein Anhänger Annos unter den Chronisten vermerkte die Unversöhnlichkeit des Strafenden als "Flecken auf seinem Gewande". Erst, 1075, im Jahre seines Todes, als er schon von Krankheit gezeichnet war, nahm Anno die Geflohenen wieder in die kirchliche Gemeinschaft auf, nachdem er vorher selbst das Drängen des Königs, der sich für die Flüchtlinge einsetzte, unbeachtet gelassen hatte. Erstaunlich scheint es, daß trotz dieser heftigen Krisen große Ehrungen für den Erzbischof in Köln nach seinem Tode stattfanden; Ehrungen, an denen sich auch die Bevölkerung seiner Stadt lebhaft beteiligt zu haben schien.

Anno starb am 04. Dezember 1075. Kurz zuvor hatte er noch in tiefer Ergriffenheit die Reliquienschätze an sich vorbeitragen lassen. Die Leichenfeier gestaltete sich zu einem grandiosen christlichen „Welttheater". Man zelebrierte Annos Totenamt im Dom. Dann ging eine Woche lang der Abschiedsumzug in feierlicher Prozession durch die Stifts- und Klosterkirchen der Stadt. Man muss sich diese Zeremonienfolge als eine Art Triumphzug vorstellen, allerorts empfangen von Zuschaustellungen der Reliquien, überall begleitet vom Volk und von der Geistlichkeit. Am Ende der prunkvollen Zeremonien erfolgte die Beisetzung auf dem Siegburger Michaelsberg — den Kölnern zum Ärger, die den Weggang ihres unbequemen und wenig geliebten Stadtherren nun doch als eine Schmach empfanden.
Aus Siegburg wurden bald nach Annos Beisetzung die ersten Wunder an seinem Grab gemeldet. Im 12. Jahrhundert verfolgten die Äbte vom Michaelsberg mit großer Ausdauer das Zeil der Heiligsprechung ihres Klostergründers. Nach mehreren Bemühungen und einigen formalen Streitigkeiten erfolgte schließlich 1183 die gültige Kanonisation. Da sich die spätere Geschichtsschreibung weitgehend auf die „Vita Annonis" und deren Vorbild (die Chronik Lamperts) bezog, gerieten Schattenseiten der Regierung Annos bald in Vergessenheit. In späteren Kölner Stadtgeschichten, z. B. in der „Agrippina" des Heinrich van Beeck (um 1470) und in der Koelhoff'schen Chronik" (1499), nimmt die Zeit Annos breiten Raum ein. Die Schuld am Strafgericht von 1074 wird hier nicht dem Erzbischof angelastet, der als Heiliger dargestellt wird. Die Plünderungen sollen ohne sein Wissen geschehen sein.
Zahlreiche Gemälde und Skulpturen aus Spätgotik, Renaissance und Barock stellen St. Anno dar, meist als Stifter mit dem Modell einer Kirche. Schließlich fand Anno noch einmal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besonderes Interesse - jetzt wurde er als Protagonist des christlich-deutschen Mittelalters verstanden.
Vor allem aber nahm sich auch die Dichtkunst der herausragenden Persönlichkeit an. Nach neuerdings bezweifelten älteren Forschungsergebnissen soll das „Annolied" schon vor 1105 in Siegburg entstanden sein. Es ist eines der bedeutendsten frühen deutschen Versepen. Der Text ist uns nicht im Original, sondern durch die Ausgabe von Opitz (1639) überliefert. Anno wird hier bereits als heiligen-mäßiger Held geschildert, dessen Wirken mit den „vier Zeitaltern der Weltgeschichte" in Beziehung gesetzt wird. Der Text ist damit ein ausdrucksvolles Dokument mittelalterlicher Geschichtsauffassung. Zugleich ist es wohl das erste Werk deutscher Dichtung, das direkt auf die Zeitgeschichte bezogen ist. In eindringlich gestraffter Sprache entwirft der Verfasser ein Bild von den Verderben bringenden Wirren, Mord, Raub, Brand und Bürgerkrieg, welche in der Zeit des Investiturstreites, nach Annos Rückzug aus der Politik, über das Reich Heinrichs IV. hereingebrochen seien:

„ . . . diz riehe alliz bikerte sin gewefine/in sin eigin inadere./ mit siginuftlicher ceswe/ubirwant iz sich selbe,/daz di gidouftin lichamin/umbigravin ciworfin lagin/ci ase den bellindin,/den grawin walthundin./ du daz ni truite bsiunin seint Anno,/du bidroz une lebin langere."

Sinngemäß: „Das ganze Reich kehrte seine Waffen in seine eigenen Eingeweide. Mit siegreicher Schwerthand überwand es sich selbst, so daß die getauften Leichname unbegraben hingestreckt lagen, als Aas den bellenden, den grauen Waldhunden (Wölfe). Da St. Anno auf eine Beilegung (dieses Konfliktes) nicht vertraute, mochte er nicht länger leben."

Buchhinweise:

               

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