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Erzbischof Anno II. von Köln
Das 11. Jahrhundert zeichnet sich im Rahmen der
mittelalterlichen Geschichte als eine Zeit tiefgreifender Wandlungen aus. Das
Herrschaftssystem des ottonischen Kaiserhauses gerät unter der salischen
Dynastie ins Wanken. Als katastrophale Erschütterung treffen die
Auseinandersetzungen des Investiturstreites das Abendland. Es beginnt die
Epoche der Kreuzzüge, mit der sich eine völlig neue Weltsicht vorbereitet.
Wandlungen auf gesellschaftlichem Gebiet bahnen sich an, z.B. der Aufstieg des
Rittertums und der Städte. Verbunden mit dem Wachstum der Bevölkerung und der
neuen Belebung des Handels setzt eine neue Entwicklung auf wirtschaftlichern
Gebiet ein. Eine interessante Persönlichkeit in der Geschichte dieser Epoche
voller Bewegung ist Erzbischof Anno II. von Köln (1056-75).
Anno von Steußlingen, um 1010 in einem schwäbischen
Geschlecht von „Freien" geboren und damit nicht adeliger Herkunft, war
ein Emporkömmling in den herrschenden Kreisen seiner Zeit. Er hatte zuerst
eine Ausbildung zum Ritter begonnen, entschied sich dann jedoch für die
geistliche Laufbahn. Ab 1036 finden wir ihn als Domscholaster (Lehrer) an der
Kathedralschule in Bamberg. Der eigentliche Beginn seiner Karriere setzte hier
ein, als nämlich Heinrich III., der stets auf der Suche nach geeigneten jungen
„Führungskräften" aus dem geistlichen Stand war, Anno im Jahre 1046 an
den kaiserlichen Hof übernahm. Zwischen beiden muss ein starkes
Vertrauensverhältnis entstanden sein. Zeitweise war Anno des Kaisers
Beichtvater — ein strenger, wie uns überliefert ist. Ob er auch in der
Hofkanzlei tätig war, steht nicht ganz fest. 1054 ernannte ihn Heinrich III.
zum Propst am Reichsstift Goslar und 1056 berief er ihn auf den
erzbischöflichen Stuhl in Köln. Dies war nun tatsächlich ein
schwindelerregender Aufstieg! War doch mit dem Kölner Amt seit 1052 durch
päpstliche Bestätigung das Recht der Königskrönung und seit 1031 das
Erzkanzlertum der römischen Kirche fest verbunden. Letztere Würde erhielt Anno
im Jahre 1057. So war ihm der Aufstieg zu einer der wichtigsten
Machtpositionen im Reich gelungen und sein gewöhnlicher Ehrgeiz hätte voll und
ganz befriedigt sein können. Anno sah sich jedoch noch keineswegs am Ziel
seines Strebens. Nach allem, was wir über ihn wissen, muss er ein Mann von
großer Energie und Eigenwilligkeit gewesen sein — oder auch von Machtgier und
Rücksichtslosigkeit, wie seine Gegner unter den Zeitgenossen behaupten.
Unter Heinrich III. hatte das Kaisertum auf einem Gipfel
seiner Macht gestanden. Der Herrscher war selbst ein Anhänger der
cluniazensischen Reformbewegung, wollte jedoch seinen Führungsanspruch als
kaiserlicher Schutzherr keineswegs aufgeben. Ein Simonieverbot wurde von ihm
gegen den Kauf geistlicher Ämter erlassen. Um das Papsttum von den
Parteikämpfen des römischen Adels unabhängig zu machen, übernahm er es selbst,
die verwickelte Lage zu klären. Im Jahre 1046 auf den Synoden von Sutri und
Rom wurde das Gegeneinander dreier Päpste, die gleichzeitig Anspruch auf den
Thron Petri erhoben, durch kaiserliches Eingreifen aufgehoben. Heinrich III.
sorgte für die Ernennung von Kandidaten des reformatorisch gesinnten Klerus
und stützte sich dabei besonders auf Geistliche aus dem deutschen Teil seines
Reiches. Man kann geradezu von der Periode eines deutschen Papsttums sprechen.
Unbestritten übte er die Investitur der Bischöfe und Äbte im Reiche aus, ein
Anspruch, der sich auf die Herrschaft Ottos I. über die Reichskirche
zurückführen lässt, gegründet auf die damalige Erweiterung von Immunität und
Königsschutz. So erhielt Anno in Koblenz vom Kaiser Ring und Stab als Zeichen
geistlicher Gewalt. Die Darstellung dieser Szene auf einem
gruben-schmelzgeschmückten Metallplättchen aus dem 12. Jahrhundert zeigt
hingegen nur die Übergabe des Lehenszeichens für die weltliche
Territorialherrschaft des neuen Erzbischofs. Der Künstler hat den Vorgang der
Situation dem Wormser Konkordat angepasst, das den Investiturstreit im Jahre
1122 abschloss. Die Temporalia, die weltlichen Königsrechte, waren nun von den
geistlichen Befugnissen, den Spiritualia, abgesondert und der König hatte auf
die Investitur mit Ring und Stab verzichtet — eine Situation, die im Jahre
1056, als Anno ernannt wurde, noch undenkbar schien.
Heinrich 111. starb mit 39 Jahren —noch im selben Jahr, in dem Anno Erzbischof
wurde. Der Thronfolger, Heinrich IV., war zwar schon 1053 zum König gewählt
und 1054 gekrönt worden, zählte jedoch 1056 erst sechs Jahre und war damit
noch längst nicht mündig. Die Regierung führte seine Mutter Agnes von Poitou
unter großen Schwierigkeiten und mit nicht eben glücklicher Hand. Papsttum und
Adel im Reich nützten die Gelegenheit, ihre Stellung auszubauen. Dem hohen
Adel gelang es, königlichen Besitz und königliche Rechte an sich zu bringen.
Dem jungen König standen schwere Auseinandersetzungen bevor. Zunächst trat
jedoch ein Ereignis in den Gang der Entwicklung, das schlagartig neue
Bedingungen schuf: Anno von Köln ließ den jungen König entführen und übernahm
damit dessen Erziehung sowie für einige Jahre faktisch die Regentschaft im
Reich.
Der Chronist und Mönch Lampert von Hersfeld gibt in seinen Annalen (1038-75)
einen farbigen Bericht des Geschehens. Der Hof hielt sich im April 1062 in
Kaiserswerth am Rhein auf, wohin Anno mit einem erzbischöflichen Schiff kam.
Man lockte den 12jährigen König an Bord, setzte ihn gefangen und vereitelte
jeden Flucht- und Befreiungsversuch. Anno kann diesen Staatsstreich nicht ohne
Mitverschworene aus den Reihen des hohen Adels und der Kirchenfürsten geplant
haben. In der Tat scheint er seit einiger Zeit der Führer der Adelspositionen
gegen die Regentschaft der Kaiserin gewesen zu sein. Manche zeitgenössischen
Chronisten verurteilten seine Handlungsweise als Gewaltpolitik und
beschuldigten ihn der rücksichtslosen Machterwerbung. Ferner warf man ihm vor,
sich für den Ausbau seiner Position bereits frühzeitig eine Klientel von
geistlichen und weltlichen Herren verschafft zu haben. So hatte er seinen
Bruder Werinher, jetzt Bischof von Magdeburg, und mehrere Verwandte in hohe
kirchliche Ämter gebracht — gelegentlich sogar mit gewaltsamen Mitteln. Es gab
jedoch auch einflussreiche Befürworter seiner Politik, beispielsweise Petrus
Damiani, Kardinalbischof von Ostia und führender Vertreter der Kirchenreform.
Er bestätigte Anno in einem Brief, er habe das Reich und den König aus großen
Gefahren errettet. Anno selbst, der nun die Erziehung des Königs übernahm,
berief sich auf die Bestimmung, stets sei derjenige Bischof für das Reichswohl
zuständig, in dessen Diözese der König sich aufhalte.
Das Verhältnis zwischen ihm und Heinrich IV. blieb stets gespannt und bei der
Schwertleite des Königs wäre es fast zu Tätlichkeiten gegen den Kölner
Erzbischof gekommen. Bald verdrängte der Erzbischof Adalbert von Bremen Anno
in der Reichsregierung. Dennoch erfüllte dieser bis zu seiner Entlassung aus
dem Königsdienst, die 1072 auf eigenen Wunsch erfolgte, wichtige Funktionen in
der Führung des Reiches. Daneben ist die vermittelnde Tätigkeit zwischen
geistlicher und weltlicher Gewalt eine seiner wichtigen Aufgaben gewesen.
Im Mai und Juni 1064 leitete Anno
von Köln die Verhandlungen auf dem Konzil zu Mantua, dessen Ziel es war, das
sogenannte Schisma des Cadulus zu beenden. Cadulus war Bischof von Parma
gewesen und im Oktober 1061 in Basel zum Gegenpapst erhoben worden. Agnes
hatte ihn anerkannt, und der lombardische Episkopat hatte ihn unterstützt. In
Rom war jedoch im selben Monat durch die Reformpartei der Bischof Anselm von
Lucca als Alexander II. eigenmächtig zum Papst proklamiert worden, da die
Entscheidung der Kaiserin auf sich warten ließ. Es handelte sich also um einen
Konflikt zwischen dem Hof und den Reformern, dessen Bereinigung Anno übernahm.
Die Entscheidung fiel für Alexander, doch hat die Strenge, mit der Anno die
Untersuchungen führte, ihm bei den Reformern keine Sympathien geschaffen. Der
Königshof war ebenfalls verärgert, weil sein Einfluss durch diese Entscheidung
entscheidend verringert wurde.
So zeichnete sich immer deutlicher ab, daß Anno, der auf Vermittlung
eingestellt war, keinem der beiden Lager im sich zuspitzenden Konflikt
zwischen geistlicher und weltlicher Gewalt wirklich angehörte. Er war
zweifellos ein Befürworter der Reform. Aber was war eigentlich zu jenem
Zeitpunkt unter diesem Begriff zu verstehen? Zunächst handelte es sich um eine
klösterliche Erneuerungsbewegung, die von der mächtigen Abtei Cluny in Burgund
ausging und für die Befreiung der Kirche von weltlicher Abhängigkeit, für die
Erneuerung des strengen Mönchtums, gegen die Simonie und für das Zölibat
eintrat. Der Kauf geistlicher Ämter und die Verehelichung von Priestern war zu
Annos Zeit alltägliches Geschehen.
Anno selbst bezweckte mit seiner Klostergründung auf dem Michaelsberg in
Siegburg, ein Musterkloster für die Idee der geistlichen Selbständigkeit zu
schaffen. Er schuf ein Modell, freilich zugleich für die verstärkte
Verfügungsgewalt des Bischofs. Anno übertrug selbst die Siegburger Reform auf
andere Klöster und es waren zahlreiche Nachahmungen im ganzen Reich zu
beobachten. Damit stand der Kölner Erzbischof aber noch keineswegs, völlig auf
der Seite Papst Gregors VII., der 1073 sein Amt antrat und die
reformatorischen Forderungen entschieden weiter steckte. Gregor war bereits
zuvor als Diakon Hildebrand das Haupt der Reformbewegung gewesen. Diese hatte
sich unter Leo IX. (1049-54) in Rom etablieren können. Nicolaus II. (1058-61)
hatte mit seinem Dekret im Jahre 1059 die Papstwahl endgültig dem
Kardinalskollegium zugesprochen, dessen Entscheidung nur noch einer formalen
nachträglichen Zustimmung der Geistlichkeit und des Volkes von Rom bedurfte.
Ziel war die Ausschaltung jeder weltlichen Einflußnahme und besonders auch der
kaiserlichen Mitbestimmung. Zu diesem Zeitpunkte hatte die Reform bereits
einen deutlich antikaiserlichen Charakter.
Zu den Kräften, welche die Reform stützten, gehörte auch die „Pataria",
eine oberitalienische Volksbewegung, die seit 1057 besonders gegen Ämterkauf
und Priesterehe in der reichen und adeligen Mailänder Reichskirche
rebellierte. Ab 1066 entwickelte diese Bewegung eine neue, verstärkte
Aktivität. Papst Gregor selbst war Mönch in Cluny gewesen, am Ursprungsort der
Reformbewegung.
Nach dem Tode des Petrus Damiani (1072), der eine Erneuerung der
Kirche von Papst und Kaiser gemeinsam verwirklicht sehen wollte, war der Weg
frei für eine härtere römische Politik. Gregor wollte jede Investitur
Geistlicher durch weltliche Herren abschaffen und die Herrschergewalt des
Papstes in der Kirche voll verwirklichen. Die libertas ecclesiae
bedeutete für ihn sogar darüber hinaus die Lenkung der ganzen christlichen
Welt durch die Kirche. Gregor trat für seine Grundsätze, die im dictatus
papae niedergelegt wurden, mit geradezu fanatischem Eifer ein. Keineswegs
waren alle Bischöfe ganz auf seiner Seite, auch Anno nicht.
Ein Brief des Papstes ermahnte ihn mit scharfen Wendungen zu engerer Bindung
an die römische Politik. Die Situation spitzte sich zu. Auf der Fastensynode
1075 erneuerte Gregor das päpstliche Verbot jeder Laieninvestitur. Er machte
jetzt offen Front gegen Heinrich IV., der durch den Sieg über einen Aufstand
in Sachsen zur gleichen Zeit seine Machtstellung im Reich für sehr gefestigt
halten durfte. Anno hielt sich in der Zeit der Krise mehrmals in Rom auf, wo
er Freunde und Feinde gleichermaßen hatte. 1068 reiste er als königlicher
Legat in diplomatischer Mission zum Papst. 1070 weilte er erneut bei
Alexander, weil er sich gegen den Vorwurf der Simonie zu verteidigen hatte.
1073 kam er wieder als Gesandter, der über rückständige Zahlungen zu
verhandeln hatte, zum Heiligen Stuhl. Er sah sich mitten in den Zwiespalt
zweier Positionen gestellt, deren gemeinsames Handeln er stets zu vermitteln
gehofft hatte. Die spektakulärsten Ereignisse des Investiturstreites fanden
allerdings erst nach seinem Tod (04. Dezember 1075) statt: Die gegenseitige
Absetzung von Kaiser und Papst (1076), die Unterwerfung Heinrichs
in Canossa (1077) und die spätere Vertreibung Gregors aus Rom (1084).
Der Kampf der höchsten irdischen Autoritäten traf die mittelalterliche Welt
als katastrophale Erschütterung. Demgegenüber verblasste ein Ereignis von
ebenso großer Tragweite, das bereits im Jahre 1054 stattgefunden hatte: Die
westlich-römische und die östlich-byzantinische Kirche spalteten sich
endgültig in zwei getrennte Blöcke, für deren Vereinigung keine Aussicht mehr
bestand. Dennoch gab es weiterhin Verbindungen zum Bosporus, Anno selbst hat
Gesandte ins "östliche Rom"
geschickt, die ihm eine kostbare Kreuzreliquie als Geschenk zurückbrachten.
Überhaupt betrieb er den Erwerb von Reliquien mit großem Nachdruck — und nicht
immer auf einwandfreie Weise. So wird uns berichtet, daß er in St. Maurice den
Küster bestach, um dem dortigen Schatz die gewünschten Kleinodien entnehmen zu
können.
Auf der Darstellung Annos in der „Vita Annonis minor", die im
Zusammenhang mit seiner Heiligsprechung (1183) in Siegburg entstand, sehen wir
den Erzbischof in vollem Ornat mit fünf Phantasiemodellen der Kirchen, die von
ihm gegründet wurden: Die Stiftskirchen St. Maria ad gradus und St. Georg in
Köln sowie die Klöster in Siegburg, Grafschaft (Sauerland) und Saalfeld
(Thüringen). Die großen Ausgaben, die er zum Nutzen seiner Kirche gemacht hat,
sind von geistlichen Chronisten immer wieder als besondere Ruhmestaten
hervorgehoben worden. Zu den Bürgern seiner Stadt hatte Anno hingegen ein
ziemlich gespanntes Verhältnis.
Die Kölner waren enttäuscht, als Heinrich III., ohne ihr
Gewohnheitsrecht auf Mitsprache zu beachten, Anno von Steußlingen, einen
unbekannten Kleriker, zum Erzbischof und damit auch zum weltlichen Herren
ihrer Stadt ernannt. Der "Emporkömmling" verschaffte sich jedoch bald Respekt.
Anno baute zielstrebig seine Positionen als Territorialherr aus. Dabei gab es
kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Pfalzgrafen Heinrich vom
Niederrhein, der eine Niederlage erlebte und später in Wahnsinn endete. Von
ihm wurde Anno 1059/60 die Festung Siegburg abgetreten, ein strategisch
wichtiger Platz, an dem der Erzbischof das Kloster stiftete. Es war stets
seine liebste Gründung, wo er nach seinem Zerwürfnis mit den Kölnern auch
begraben werden wollte. Einen anderen langwierigeren Streit führte Anno mit
den Mönchen von Stablo um den Besitz des Klosters Malmedy. In dem Bericht, den
der Chronist Godefried kurz nach ihrem Sieg (1071) aus der Sicht seiner Gegner
verfasste, erscheint Anno als starrsinnig und machthungrig.
Zweifellos erwirkten Annos Energie und seine Hartnäckigkeit manchen Vorteil
für die Wirtschaft und das geistliche Leben seiner Stadt, deren Ruf als „deutsches
Rom" er nachdrücklich förderte. Dennoch respektierten die Kölner ihn, ohne
ihn zu lieben. Vielmehr ist manches böse Wort gegen den Erzbischof in
zeitgenössischen Berichten überliefert. Allerdings war er frei von
persönlichem, Gewinnstreben und raffte Besitztümer nur für seine Kirchen. Den
vielen Armen seiner Stadt widmete er sogar eine besondere Fürsorge. Den Adel
jedoch stieß er vor den Kopf, und die aufstrebenden bürgerlichen Kräfte ließ
er nicht zu politischem Einfluss kommen. Das galt besonders für die reichen
Kaufleute von Köln, die im reichen Rheinviertel wohnten und weitgespannte
Handelsbeziehungen unterhielten. Ihren Aktivitäten verdankte die Stadt einen
großen Teil ihres Wohlstandes.
Anno galt bei dieser Schicht als hochfahrend und despotisch. Kein Wunder, daß
es Spannungen gab, die auf Entladung drängten. Ein scheinbar beiläufiger
Anlass lieferte am Ostermontag 1074 den zündenden Funken. Anno wollte für
einen Staatsgast ein Kaufmannsschiff beschlagnahmen lassen. Der Besitzer
weigerte sich gegen diese Dienstleistung, und im Nu waren Tätlichkeiten
ausgebrochen. Der Aufstand griff rasch um sich — nur erklärbar aus den lange
aufgestauten Emotionen weiter Kreise. Anmaßung und tyrannisches Gebaren wurden
Anno vorgeworfen. Rasch hatte sich die Menge bewaffnet und belagerte den
Bischofshof. Einige von Annos Wachen wurden getötet; dann waren die Tore
aufgebrochen, und die Plünderung begann. Anno selbst schwebte in Lebensgefahr.
Er floh zunächst in den Dom — das war damals noch der alte, karolingische Bau,
eine kraftvoll gedrungene Anlage mit zwei Chören und einem weiten Atrium. Auch
hier, am Ort, wo er die Weihe empfangen hatte, konnte er sich jedoch nicht
sicher fühlen. Der Zufall kam ihm zu Hilfe: Kürzlich war ein Gang geschaffen
worden, der durch den Stadtgraben außerhalb der Befestigungen ins Freie
führte. Dieser "Annostollen" ist bei Grabungen 20. Jahrhundert gefunden
worden und kann heute noch besichtigt werden. Durch ihn gelang dem bedrängten
Stadtherren die Flucht. Schon wenige Tage später kehrte er mit einem rasch
versammelten Heer aus Neuß zurück. Die Stadt musste sich ergeben und der
Erzbischof hielt gnadenloses Strafgericht. Die Anführer des Aufstandes wurden
geblendet.
Alle Kölner, die vor der Vergeltung zum König flohen, belegte Anno mit dem
Bann. Es sollen nicht weniger als 600 gewesen sein, vor allem Kaufleute.
Dieses Gericht war wohl nicht frei von Rachsucht und selbst sein Anhänger
Annos unter den Chronisten vermerkte die Unversöhnlichkeit des Strafenden als
"Flecken auf seinem Gewande". Erst, 1075, im Jahre seines Todes, als er
schon von Krankheit gezeichnet war, nahm Anno die Geflohenen wieder in die
kirchliche Gemeinschaft auf, nachdem er vorher selbst das Drängen des Königs,
der sich für die Flüchtlinge einsetzte, unbeachtet gelassen hatte. Erstaunlich
scheint es, daß trotz dieser heftigen Krisen große Ehrungen für den Erzbischof
in Köln nach seinem Tode stattfanden; Ehrungen, an denen sich auch die
Bevölkerung seiner Stadt lebhaft beteiligt zu haben schien.
Anno starb am 04. Dezember 1075. Kurz zuvor hatte er
noch in tiefer Ergriffenheit die Reliquienschätze an sich vorbeitragen lassen.
Die Leichenfeier gestaltete sich zu einem grandiosen christlichen „Welttheater".
Man zelebrierte Annos Totenamt im Dom. Dann ging eine Woche lang der
Abschiedsumzug in feierlicher Prozession durch die Stifts- und Klosterkirchen
der Stadt. Man muss sich diese Zeremonienfolge als eine Art Triumphzug
vorstellen, allerorts empfangen von Zuschaustellungen der Reliquien, überall
begleitet vom Volk und von der Geistlichkeit. Am Ende der prunkvollen
Zeremonien erfolgte die Beisetzung auf dem Siegburger Michaelsberg — den
Kölnern zum Ärger, die den Weggang ihres unbequemen und wenig geliebten
Stadtherren nun doch als eine Schmach empfanden.
Aus Siegburg wurden bald nach Annos Beisetzung die ersten Wunder an seinem
Grab gemeldet. Im 12. Jahrhundert verfolgten die Äbte vom Michaelsberg mit
großer Ausdauer das Zeil der Heiligsprechung ihres Klostergründers. Nach
mehreren Bemühungen und einigen formalen Streitigkeiten erfolgte schließlich
1183 die gültige Kanonisation. Da sich die spätere Geschichtsschreibung
weitgehend auf die „Vita Annonis" und deren Vorbild (die Chronik
Lamperts) bezog, gerieten Schattenseiten der Regierung Annos bald in
Vergessenheit. In späteren Kölner Stadtgeschichten, z. B. in der „Agrippina"
des Heinrich van Beeck (um 1470) und in der Koelhoff'schen Chronik" (1499),
nimmt die Zeit Annos breiten Raum ein. Die Schuld am Strafgericht von 1074
wird hier nicht dem Erzbischof angelastet, der als Heiliger dargestellt wird.
Die Plünderungen sollen ohne sein Wissen geschehen sein.
Zahlreiche Gemälde und Skulpturen aus Spätgotik, Renaissance und Barock
stellen St. Anno dar, meist als Stifter mit dem Modell einer Kirche.
Schließlich fand Anno noch einmal in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
besonderes Interesse - jetzt wurde er als Protagonist des christlich-deutschen
Mittelalters verstanden.
Vor allem aber nahm sich auch die Dichtkunst der herausragenden Persönlichkeit
an. Nach neuerdings bezweifelten älteren Forschungsergebnissen soll das „Annolied"
schon vor 1105 in Siegburg entstanden sein. Es ist eines der bedeutendsten
frühen deutschen Versepen. Der Text ist uns nicht im Original, sondern durch
die Ausgabe von Opitz (1639) überliefert. Anno wird hier bereits als
heiligen-mäßiger Held geschildert, dessen Wirken mit den „vier Zeitaltern
der Weltgeschichte" in Beziehung gesetzt wird. Der Text ist damit ein
ausdrucksvolles Dokument mittelalterlicher Geschichtsauffassung. Zugleich ist
es wohl das erste Werk deutscher Dichtung, das direkt auf die Zeitgeschichte
bezogen ist. In eindringlich gestraffter Sprache entwirft der Verfasser ein
Bild von den Verderben bringenden Wirren, Mord, Raub, Brand und Bürgerkrieg,
welche in der Zeit des Investiturstreites, nach Annos Rückzug aus der Politik,
über das Reich Heinrichs IV. hereingebrochen seien:
„ . . . diz riehe alliz bikerte sin gewefine/in sin
eigin inadere./ mit siginuftlicher ceswe/ubirwant iz sich selbe,/daz di
gidouftin lichamin/umbigravin ciworfin lagin/ci ase den bellindin,/den
grawin walthundin./ du daz ni truite bsiunin seint Anno,/du bidroz une lebin
langere."
Sinngemäß: „Das ganze Reich kehrte seine Waffen in seine eigenen
Eingeweide. Mit siegreicher Schwerthand überwand es sich selbst, so daß die
getauften Leichname unbegraben hingestreckt lagen, als Aas den bellenden, den
grauen Waldhunden (Wölfe). Da St. Anno auf eine Beilegung (dieses Konfliktes)
nicht vertraute, mochte er nicht länger leben."
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