daß ein Offizier, dessen
berufliche Laufbahn als fünfzehnjähriger Schiffsjunge bei der Handelsmarine
begann und über den mit dem Pour le merite ausgezeichneten Marineflieger des
I. Weltkrieges bis zum General der Flieger der Luftwaffe des II. Weltkrieges
führte, gegen dessen Ende schließlich einige Monate lang Oberbefehlshaber
einer Armee des Heeres war, ohne jemals eine Heeresuniform getragen zu haben,
ist gewiss etwas Außergewöhnliches
es war ein langes,
ereignisreiches Leben, ein Stück Luftfahrtgeschichte, das am 3. Dezember 1972 nach 93 Erdenjahren zu Ende
ging: das Leben des Generals der Flieger Friedrich
Christan Christiansen
der Kapitänssohn aus Wyk
auf Föhr, dessen Vorfahren seit Generationen nur die Seefahrt als Beruf
gekannt hatten und dessen vier Brüder - wie er ebenfalls Seeleute wurden, kam
am 12. Dezember 1879 auf jener nordfriesischen
Insel vor Schleswigs Westküste zur Welt, nach Besuch einer Wyker Bürger- und
Privatschule trat er schon mit fünfzehn Jahren als Schiffsjunge bei der
Handelsmarine ein, segelte bereits als Sechzehnjähriger mit dem Vollschiff "PARCHIM"
nach Südamerika und besuchte danach die Hamburger Navigationsschule, dort
bestand er im Jahr 1900 das
Schiffsoffiziersexamen, ehe er als zweiundzwanzigjähriger 2. Offizier auf dem
Fünfmaster "PREUSSEN", dem damals größten Segelschiff der Welt,
anmusterte, von 1901 bis
1902 diente er als Einjährig-Freiwilliger bei der 1. Torpedo-Abteilung
der Kaiserlichen Marine in Kiel, wo er als Bootsmannsmaat (Unteroffizier) der
Reserve (d. R.) ausschied
es folgte 1904 das Examen als "Kapitän auf großer Fahrt"
(Patent AC), worauf er anschließend als 1. Steuermann und Kapitän auf
verschiedenen Dampfern die Meere des ganzen Erdballs zu befahren hatte, etwas
Besonderes war es auch, daß Friedrich Christiansen,
den seine Freunde teils "Fiede", teils "Krischan" nannten, im
Jahre 1913 schon den Autoführerschein 3b erwarb,
der Zufall oder die Vorbestimmung wollte es, daß er in jenen Jahren vor dem 1.
Weltkrieg Karl Caspar kennenlernte, den späteren
Gründer des Caspar-Flugzeugbaus in Travemünde, der seinerzeit die "Centrale
für Aviatik" leitete, dort lernte der Seemann
Friedrich Christiansen im Frühjahr 1914
als Schüler des damals bekannten Flugpioniers Wilhelm
Krumsiek auf einer "Gotha-Hansa-Taube" das Fliegen und erwarb am 27. März 1914 den Pilotenschein Nr. 707, seitdem
war "Fiede" der Fliegerei verfallen und erregte bald darauf durch eine
für jene Zeit unerhörte Leistung, einen zehneinviertelstündigen Dauerflug von
Hamburg-Fuhlsbüttel über Neumünster-Kiel bis nach Leipzig, großes Aufsehen,
wobei er fast bis zum letzten Tropfen Benzin in der Luft blieb und einen neuen
Dauerweltrekord für Eindecker nur um 5,4 Minuten verfehlte, damit gelangte
sein Name zum ersten Male in die heimatliche Presse
obwohl - oder gerade
weil - das Fliegen damals noch als eine Art Sensation und als ein höchst
unsicheres Abenteuer galt, gab Friedrich Christiansen
seinen soliden Beruf als Schiffskapitän "zugunsten vager Luftprojekte"
auf, wie er selbst in seiner Familiengeschichte "Die Kapitäne Christiansen"
schreibt, er musterte also ab und wurde selbst Lehrer und Pilotenausbilder an
der Aviatikschule, im Sommer 1914 nahm er an
zahlreichen Wettbewerben und Flugtagen teil, dabei holte er sich zum Beispiel
bei einem Geschwaderflug von Kiel nach Kopenhagen einen Preis für schnellstes
Steigen auf tausend Meter und für gezieltes "Bombenwerfen"
bei Kriegsausbruch im August 1914 wurde der inzwischen
fünfunddreißigjährige Bootsmannsmaat d. R., der damals einer der wenigen
Piloten mit Flugerfahrung über offener See war, zu der mit sieben
Marineflugzeugen ausgestatteten Seeflugstation Kiel-Holtenau eingezogen, die
Ausbildung weiterer Piloten war dort zunächst seine Aufgabe, obwohl er mit
seinen fünfunddreißig Jahren - verglichen etwa mit dem Durchschnittsalter der
deutschen Jagdflieger beider Weltkriege seinerzeit schon ein "alter Mann"
war, drängte es ihn zur aktiven Frontfliegerei, im Januar 1915 erreichte er
daraufhin seine Versetzung zur Seeflugstation Zeebrügge (Flandern), wo er bis
zum Kriegsende stationiert blieb und während dieser Zeit aus dem
Unteroffiziersstand bis zum hochdekorierten Kapitänleutnant mit 27 Luftsiegen
aufstieg
wie der zwölf Jahre
jüngere Hauptmann Oswald Boelcke (1891-1916) als
der große Organisator und Taktiker der deutschen Armee-Jagdfliegerei des 1.
Weltkrieges gilt, so bedeutete Friedrich Christiansen
in etwa das gleiche für das Marineflugwesen, man kann ihn als den Begründer
des Luftkampfes bei der Seefliegerei bezeichnen, zugleich war, er aber auch
ein Meister der Aufklärung über See und ein vorbildlicher Lehrmeister bei der
taktischen Entwicklung des Verbandsfliegens über See, seinen zumeist
wesentlich jüngeren Fliegerkameraden machte er vor, was man schon aus dem
damaligen Fluggerät herausholen konnte - so zum Beispiel, indem er es einmal
schaffte, die 700-km-Strecke Zeebrügge-Sylt in fünf Stunden zurückzulegen, wo Christiansen und seine Marineflieger - darunter
die Pour-le-merite-Ritter Theo Osterkamp
(1892-1975) und Gotthard Sachsenberg (1891-1961)
- eingesetzt waren, blieb die deutsche Luftherrschaft im flandrischen
Küstengebiet bis zum Kriegsende 1918
unbestritten, das fand sogar in dem englischen Buch "Geschichte einer
Seeflugstation" eine ausdrückliche Würdigung, indem man dort u. a. lesen
kann: "Unser Feind, der sehr geschickt durch Oberleutnant Christiansen
geführt wurde, bewies bei seinen Unternehmungen außerordentliche Tapferkeit
und Klugheit. Dieser Offizier war Seemann von Beruf, daneben ein vollendeter
Flieger, ein ausgezeichneter Schütze und Sportsmann."
gar so schnell ging es
aber mit "Krischans" Beförderung zum Oberleutnant nicht, vielmehr wurde
er im Laufe des Jahres 1915 zunächst
Vizeflugmeister, was dem Vizesteuermann bei der seefahrenden Marine bzw. dem
Vizefeldwebel (dem späteren Feldwebel) beim Heer entsprach, da bei den höheren
Marinebehörden zunächst eine Beförderung von Vizeflugmeistern oder fliegenden
Vizesteuerleuten d. R. zum Leutnant zur See nicht vorgesehen war, nahm der
Kommandierende Admiral des Marinekorps in Flandern,
Ludwig von Schröder (1854-1933), es vorerst auf die eigene Kappe,
seinen inzwischen auch schon als Staffelführer bewährten besten Seeflieger,
den Vizeflugmeister d. R. Christiansen, zum
Offizier zu befördern, er war damit zum Leutnant d. R. der Matrosenartillerie
(MA) avanciert, bis zum Oberleutnant dauerte es dann nur noch ein Jahr und im
gleichen Jahre - am 16. 9.1917 - wurde er zum
Stationsleiter der Seeflugstation Flandern ernannt, bis dahin hatte er bereits
440 Feindflüge mit 1164 Flugstunden hinter sich und galt als "der beste und
erfolgreichste deutsche Seeflugzeugführer", wie es im Verleihungsvorschlag
für den ihm am 11. 12.1917 von Kaiser Wilhelm II. überreichten Pour le merite
hieß, erwähnt wurde darin auch, daß er eine "erhebliche Anzahl von
Luftsiegen" errungen, "viele feindliche Schiffe und Dover mit Bomben
angegriffen" und selbst drei aus dem Meer aufgefischte deutsche Seeleute
in seinem Flugzeug nach Zeebrügge gebracht habe, dafür wurde er übrigens auch
noch mit der Rettungsmedaille am Bande ausgezeichnet, des weiteren standen die
Aufbringung von fünf Prisendampfern und einem Segler - im Zusammenwirken mit
deutschen U-Booten -, die Rettung von fünf beschädigt auf See treibenden
Flugzeugen und ihrer Besatzungen sowie die Vernichtung eines britischen
Luftschiffes auf dem Erfolgskonto des Oberleutnants d. R. Friedrich Christiansen, zuvor war er auch schon
mit beiden Eisernen Kreuzen (I. und II. Klasse), mit dem sächsischen
Friedrich-August-Orden I. und II. Klasse und dem Hamburgischen Hanseatenkreuz
sowie dem Ritterkreuz mit Schwertern des Königlichen Hausordens von
Hohenzollern ausgezeichnet worden, der "Hohenzoller" sozusagen die
Vorstufe zum Pour le merite - schmückte übrigens auch "Krischans"
jüngeren Bruder, den Kapitänleutnant d. R. Carl
Friedrich Christiansen, er hatte ihn sich als Kommandant des mit
Munitionsnachschub für Lettow-Vorbecks ostafrikanische Schutztruppe befassten
Blockadebrechers "RUBENS" erworben
Ende September 1918 wurde
Friedrich Christiansen aufgrund seiner fliegerischen Führungsqualitäten
und seiner immer wieder bewiesenen persönlichen Tapferkeit zum Kapitänleutnant
d. R. der Matrosenartillerie befördert, sein beachtliches technisches
Verständnis war u. a. bei der Entwicklung hochwertiger Seekampfflugzeuge wie
der Heinkel-Konstruktionen "Hansa-Brandenburg" W 12, W 19 und W 29 von
Einfluß gewesen
nach Kriegsende stellte
sich Kapitänleutnant Christiansen zunächst der
Marinebrigade von Löwenfeld als Staffelführer zur Verfügung, nach einem
Zwischenspiel als Erkundungsflieger auf einem Fischdampfer, zur Meldung der
heranziehenden Heringsschwärme, kehrte er wieder ganz zur "christlichen
Seefahrt" zurück, er trat in die Dienste der Hamburg-Amerikanischen
Paketdampfschiffahrt AG (HAPAG) und fuhr von 1924
bis 1930 als Kapitän auf der "RIO BRAVO"
von Hamburg über England nach Kuba, Mexiko und Texas
die dabei gewonnenen
gründlichen maritimen, nautischen und klimatischen Erfahrungen kamen ihm
zugute, als Christiansen im Jahre 1930 einem
Angebot der Dornier-Werke folgte, das Kommando über das damals neue größte
Wasserflugzeug der Welt, das zwölfmotorige Flugschiff Do X, zu übernehmen, mit
ihm überquerte er zweimal den Atlantik nach Nord- und Südamerika, wobei ihm
Flugkapitän Horst Merz (geboren 1891) als 1.
Pilot (l. Offizier) zur Seite stand, beide Flugpioniere wurden durch diese
Atlantikflüge weltbekannt, in der Presse eingehend gewürdigt und erfuhren nach
dem Transatlantikflug 1932 zahlreiche offizielle
Ehrungen - u. a. durch den Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg, dieses Riesenflugschiff und seine
Leistungen waren ein echter Triumph der deutschen Luftfahrt und Flugtechnik,
auf den damals die ganze Nation stolz war
nachdem am 30. Januar 1933 im Zusammenhang mit der Berufung Adolf Hitlers durch Präsident von Hindenburg zum Reichskanzler der
Pour-le-merite-Flieger Hauptmann a. D. Hermann Göring
zunächst zum Reichsminister ohne Geschäftsbereich und Reichskommissar für die
Luftfahrt ernannt worden war, nahmen die zuvor insgeheim von der
Reichswehrführung betriebenen Vorbereitungen für die Wiedererstehung einer
durch den Versailler "Friedensvertrag" verbotenen deutschen
Militärfliegerei allmählich offiziellere, finanziell, materiell und personell
nachdrücklich geförderte Formen an, dabei konnte und wollte man auf einen Mann
von den Qualitäten und Erfahrungen des in Krieg und Frieden bewährten
Seefliegers Friedrich Christiansen nicht
verzichten, Anfang März 1933 trat der "olle
Krischan" - inzwischen schon vierundfünfzig Jahre alt - als Ministerialrat
in das Reichskommissariat für Luftfahrt ab 27. 4. 1933
Reichsluftfahrtministerium (RLM) - ein und übernahm dort das "Amt für
Ausbildung und Sport", dem wiederum die Fliegerschulen unterstanden, er
durfte sich auch wieder eine Uniform als "Flieger-Kommodore" in dem von Görings altem Freund Bruno
Loerzer, dem späteren Generalobersten, geführten Deutschen
Luftsportverband anziehen
aus diesen Anfängen
entwickelte sich durch Erlass Hitlers vom 26. Februar 1935 offiziell die "Reichsluftwaffe"
als dritter Wehrmachtsteil und aus dem Fliegerkommodore wurde der Oberst der
Luftwaffe Friedrich Christiansen, der nun die
Dienststellung eines "lnspekteurs der Schulen" bekleidete, nach der
Beförderung zum Generalmajor (l. 12. 1935) nannte er sich "Kommandeur und
Inspekteur der Fliegerschulen", am 20. 4.1937
wurde er von Hitler zum Korpsführer des
Nationalsozialistischen Fliegerkorps (NSFK) berufen, in dem nunmehr der
gesamte zivile, vor- und nachmilitärische Flugsport zusammengefasst war, die
enge Verbindung des NSFK zur Reichsluftwaffe kam u. a. darin zum Ausdruck, daß Christiansen als Korpsführer zum Generalleutnant
(l. 7.1937) und General der Flieger (20.4.1938) befördert wurde und damit
weiter im aktiven Luftwaffendienst blieb
während des
Westfeldzuges wurde General Christiansen nach der
Eroberung der "Festung Holland" am 1. 6.1940
zum "Wehrmachtbefehlshaber in den besetzten Niederlanden" ernannt, eine
Funktion, die er bis zum Februar 1945 beibehielt,
dabei kam es zu mancherlei Reibungen mit der politischen Führung, die in
Holland durch den später in Nürnberg hingerichteten Osterreicher Dr. Arthur Seyß-Inquart (1892-1946) repräsentiert
wurde, seinem alten Kameraden Theo Osterkamp -
inzwischen ebenfalls Luftwaffengeneral gestand er einmal, daß er ständig
abgehört werde und im übrigen bemüht sei, von den anständigen, aber national
denkenden Holländern "möglichst viele unter der Hand nach Belgien oder
Frankreich zu schaffen", nur nach Deutschland ginge es sehr schwierig, da
er nur ganz wenigen trauen könne, "Theo, kannst du eventuell mithelfen?"
fragte er den Freund aus Zeebrügger Tagen, der sich im Rahmen seiner
Möglichkeiten zur Mithilfe bereitfand
Christiansens
menschliche Grundeinstellung bewahrte den alten Flugpionier auf die Dauer
nicht vor tragischen Verwicklungen, als sich gegen Kriegsende auch in den
Niederlanden Widerstandsaktionen und Partisanenaktivitäten häuften, sah er
sich - in Übereinstimmung mit der Haager Landkriegsordnung - zu Gegenmaßnahmen
gezwungen, die ihn nach dem Kriege vor ein holländisches Sondergericht bringen
sollten, zunächst aber hatte er zeitweilig noch ein für seinen Werdegang
ungewöhnliches Truppenkommando zu übernehmen, indem er vom November 1944 bis in den
Januar 1945 hinein als Oberbefehlshaber der in Holland stehenden 25.
Armee fungierte
Mitte Januar 1946 wurde er als Gefangener nach Den Haag
gebracht, um dann im August 1948 von einem
Sondergericht in Arnheim zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt zu werden,
angeklagt wurde er wegen eines von ihm erlassenen Befehls, das Dorf Putten in
der niederländischen Provinz Gelderland einzuäschern und die männlichen
Einwohner als Vergeltung für die Ermordung zweier deutscher Offiziere zu
erschießen, Mitte Januar 1951 wurde ihm im
Gnadenwege der Rest der Strafe erlassen, daraufhin konnte der mittlerweile
zweiundsiebzigjährige ehemalige Seemann und Flieger General a. D. Friedrich Christiansen Weihnachten 1951 in die Freiheit zurückkehren, völlig
zurückgezogen lebte er fortan noch rund zwanzig Jahre in Aukrug-Innien/
Schleswig-Holstein, wo er am 3. Dezember 1972 im
biblischen Alter von zweiundneunzig Jahren starb, die militärischen Ehren
wurden dem tadellosen Soldaten und Ritter des Pour le merite auf seinem
letzten Weg aus "politischen Gründen" verweigert, wie 1980 bei den Trauerfeierlichkeiten für
Großadmiral Dönitz, wurde Angehörigen der Bundeswehr die Teilnahme an der
Beisetzung des einstigen "Fliegers von Zeebrügge" in Uniform untersagt