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Hersing, Otto

als Anfang August 1914 jenes Völkerringen ausbrach, das als Erster Weltkrieg in die Geschichte eingehen sollte, gab es für die junge U-Boot-Waffe noch keine Einsatzerfahrungen, die deutsche Flottenleitung musste erst durch Versuche feststellen, was Boote und Besatzungen zu leisten imstande waren und ob sie genügend Seeausdauer hatten, um so weitreichende Unternehmungen, wie sie der Handelskrieg mit U-Booten erfordern würde, durchführen zu können, auf Drängen des Chefs der 1. Flottille, Korvettenkapitän Hermann Bauer, zog die Flottenleitung die Boote aus ihrer sinnlosen Vorpostenstellung an der Grenze der Helgoländer Bucht zurück, um mit ihnen erstmalig eine Fernunternehmung durchzuführen

in den frühen Morgenstunden des 6. August 1914 machten zehn Boote der 1. U-Flottille im Helgoländer U-Boot-Hafen die Leinen los und steuerten in einer 70 Seemeilen breiten Dwarslinie bis 7 Seemeilen Abstand von Boot zu Boot - nach Norden, der Auftrag dieses auf sechs Tage bemessenen Unternehmens lautete, die Nordsee bis zur Linie Shetland-Inseln-Bergen - also etwa auf dem 60. Breitengrad - aufzuklären und feindliche Schiffe anzugreifen, damit sahen sich die Besatzungen zum erstenmal mit wirklich kriegsmäßigen Einsatzbedingungen konfrontiert und standen vor Anforderungen, wie sie in Friedenszeiten noch nie an sie gestellt worden waren, weder waren sie bisher so lange allein gefahren - also ohne Begleitschiffe -, noch hatten sie so große Seeräume zu überwinden gehabt, dennoch verlief der Vormarsch planmäßig, wenn auch die Luft immer unsichtiger und die See immer gröber wurde, je weiter sie nach Norden kamen

in Höhe der Orkneys, etwa auf dem 59. Breitengrad, und nachdem sie ca. 460 Seemeilen (850 km) zurückgelegt hatten, machten die Boote kehrt und liefen zurück, es waren jedoch nur noch acht, die am 12. August in Wilhelmshaven einliefen, U 15 (Kapitänleutnant Pohle) wurde drei Tage zuvor auf 55° 22' Nord/0° 58' Ost von dem britischen Kreuzer "BIRMINGHAM" durch Rammstoß versenkt, U 13 (Kapitänleutnant Graf Schweinitz) ging verloren, ohne das man je den Grund erfuhr

das war zwar eine Verlustquote von 20%, aber dieses erste Offensivunternehmen in der Geschichte des U-Boot-Krieges hatte gezeigt, dass auch ältere Boote größeren Anforderungen standhielten und durchaus imstande waren, in den vom Feind beherrschten Seegebieten Kriegshandlungen vorzunehmen und somit den Begriff Seeherrschaft im klassischen Sinn in Frage stellten

Korvettenkapitän Bauer, der noch im gleichen Monat zum Führer der U-Boote ernannt wurde und der wusste, welch großes Angriffspotential die U-Boote darstellten, sah seine Prognose bestätigt, so wurden in den folgenden Tagen und Wochen weitere Boote hinausgeschickt, um im Seegebiet östlich der britischen Insel Kriegsschiffe zu jagen, eine Tatsache, welche die Engländer stark beunruhigte, zumal sich die Meldungen über gesichtete Periskope deutscher U-Boote häuften, das führte soweit, dass Admiral Sir John Jellicoe als Oberbefehlshaber der Grand Fleet seine Schlachtschiffe aus Scapa Flow nach Loch Ewe, eine abgelegene Bucht an der Nordwestküste Schottlands, zurückzog

einen Monat später, am 5. September 1914, stand U 21 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Otto Hersing vor dem Firth of Forth, einer etwa 30 km breiten Bucht an der Ostküste Schottlands, es war ein relativ neues Zweihüllenboot, knapp ein Jahr alt, auf der Kaiserlichen Werft in Danzig gebaut, zwei MAN-Sechszylinder-Viertakt-Dieselmotoren mit 1700 PS gaben dem 650/837 Tonnen verdrängenden Boot bei Überwasserfahrt eine Höchstgeschwindigkeit von 15,4 Knoten (28,5 km/h), für die 9,5 Knoten (17,6 km/h) unter Wasser sorgten zwei AEG-Doppelgenerator-Elektromotoren, die 1200 PS auf die beiden Schraubenwellen brachten

am Vormittag dieses 5. September hatte sich Otto Hersing durch einen Rundblick über das Periskop überzeugt, dass kein Bewacher in der Nähe war, dann ließ er auftauchen, um die nach längerer Tauchfahrt erschöpften Batterien aufzuladen, der Kommandant, der das Boot noch als Oberleutnant zur See am 22. Oktober 1913 in Dienst gestellt hatte, war kein Neuling mehr und dies auch nicht seine erste Feindfahrt; aber bisher hatte er noch keine Feindberührung gehabt, wenn man einmal von den kleinen Vorpostenbooten des Gegners absah, für die sich ein teurer Torpedo einfach nicht lohnte, Hersing machte sich schon mit dem Gedanken vertraut, dass auch diese Fahrt erfolglos enden und er mit allen sechs Torpedos wieder nach Helgoland zurücklaufen würde, als die Brückenwache eine Rauchwolke meldete, der Kommandant eilte sofort auf den Turm und richtete sein Glas auf den angegebenen Sektor, bald sah er die drei nach achtern geneigten Schornsteine, aus denen der Rauch kam, und den langen, nadelfeinen Mast hinter dem Brückenaufbau, kein Zweifel: Es war ein britischer Kreuzer, der da an der Kimm entlangfuhr, aber für einen Angriff war er viel zu weit entfernt, und er tat Hersing auch nicht den Gefallen, näher heranzukommen, im Gegenteil, der Kreuzer lief nach Nordwesten ab und war auch bald hinter der Kimm verschwunden

Enttäuschung auf der Brücke des deutschen U-Bootes, doch Otto Hersing tröstete sich mit dem Gedanken, dass ja heute das Wochenende begann und der Kreuzer aller Voraussicht nach am Nachmittag wieder einlaufen würde und richtig - nachdem sie mehrfach vor Bewacherfahrzeugen tauchen mussten und der Kommandant gegen 16.00 Uhr das Sehrohr aus dem Wasser stippte, sah er ihm Nordwesten wieder die dicken Rauchwolken in den Himmel steigen, er hatte also recht gehabt, ahnungslos marschierte der Brite dem deutschen U-Boot direkt vor die Rohre, so dass Kapitänleutnant Hersing nur einige kleinere Kurskorrekturen brauchte, um sich in eine - im wahrsten Sinne des Wortes - todsichere Schussposition zu bringen

gespannte Aufmerksamkeit herrschte im Boot, die Männer fieberten dem ersten Erfolg entgegen, dem ersten scharfen Torpedoschuss überhaupt, wenn sie Glück hatten - und wer wollte an der Treffsicherheit des Kommandanten zweifeln, der im Frieden als bester Torpedoschütze der Flottille galt, dann würden sie die ersten sein, die mit einem Torpedo aus einem getauchten U-Boot ein feindliches Kriegsschiff versenkten, doch in diese gespannte Erwartung mischten sich nagende Zweifel, was würde denn nun wirklich geschehen, wenn der "Aal" sein Ziel erreichte und damit 200 kg Sprengstoff detonierten, wenn er gar die Munitionskammer traf und diese gleich mit hochging, würde dann das Boot den ungeheuren Druckwellen standhalten oder zum Spielball der selbstentfesselten Gewalten werden

"Klar bei Rohr eins!"

die Stimme des Kommandanten riss die Männer aus ihren Grübeleien, Otto Hersing hatte das Boot exakt in die Kursrichtung des Kreuzers manövriert und war bei der Betrachtung des Gegners - es war der kleine geschützte Kreuzer "PATHFINDER" mit 3000 Tonnen Wasserverdrängung - zu dem Schluss gekommen, dass für ein Schiff dieser Größe ein Torpedo reichen müsste

noch einmal ließ Hersing das Sehrohr ausfahren, vergewisserte sich, dass der Kreuzer seinen Kurs beibehielt und ihm somit genau in die Schusslinie lief, um 16..45 Uhr dann der Befehl, der eine neue Ara in der Seekriegsgeschichte einleitete: "Ruhr eins - los!", dann: "Sehrohr einfahren, auf zwanzig Meter gehen!"

ein Ruck ging durch das Boot, als die Pressluft den Torpedo aus dem gefluteten Rohr drückte, und während das Unterwassergeschoß mit 28,5 Knoten (53 km/h) in den Kurs des Kreuzers lief, ging U 21 tiefer, um der zu erwartenden Druckwelle auszuweichen

nach über einer Minute Laufzeit erfolgte eine ungeheure Explosion, deren Druckwelle das Boot mit voller Wucht traf, den Männern wurde förmlich der Boden unter den Füßen weggerissen; sie verloren den Halt, prallten gegen Rohrleitungen und Handräder, Gläser zersprangen, Gegenstände fielen scheppernd auf die Flurplatten

Sekunden später war der Spuk vorbei, das Boot lag wieder ruhig, die Männer rappelten sich auf und konnten nach einer ersten Prüfung alle Stationen klar melden, Otto Hersing nahm die Meldungen erleichtert entgegen und ließ auf Sehrohrtiefe gehen, seine Erwartung, einen zumindest schwer beschädigten Kreuzer zu sehen, wurde weit übertroffen, es war kein Kreuzer mehr da - lediglich eine fettige, bräunlichschwarze Rauchwolke wälzte sich über der Stelle, wo vor dreieinhalb Minuten noch ein Schiff die See durchpflügt hatte, das ließ nur einen Schluss zu: Der Torpedo hatte eine Munitionskammer der "PATHFINDER" getroffen und deren hochbrisanten Inhalt gleich mit hochgejagt. - der Kreuzer war in einer gigantischen Explosion förmlich auseinandergeplatzt

bei aller Freude über diesen seinen Erfolg, der die Schlagkraft der neuen U-Boot-Waffe unter Beweis stellte, machte das Geschehen Otto Hersing doch ein wenig betroffen, denn ein einziger Torpedo hatte genügt, um einen kampfstarken Kreuzer in die Luft zu blasen und 270 Menschenleben mit einem Schlag auszulöschen

doch der Krieg ließ Hersing keine Zeit für solche Überlegungen, die Vernichtung der "PATHFINDER" hatte die Royal Navy auf den Plan gerufen, Zerstörer und Vorpostenboote jagten auf die Rauchwolke zu, die den Untergangsort markierte, um zu retten, was noch zu retten war, Hersing ließ das Sehrohr einfahren, auf zwanzig Meter gehen und lief nach Osten ab, nach Einbruch der Dunkelheit kam das Boot wieder an die Oberfläche und setzte einen Funkspruch ab, der die Admiralität von dem Erfolg unterrichtete

als U 21 zwei Tage später im Helgoländer U-Boot-Hafen festmachte, kannte der Jubel der dicht gedrängt am Kai stehenden Menschen keine Grenzen, dem Feind war direkt vor seiner Haustür eine Niederlage versetzt worden, Otto Hersing und seine Männer waren die Helden des Tages, als sichtbares Zeichen seiner Tat, die als Novum in die Seekriegsgeschichte einging, wurde dem Kommandanten am folgenden Tag als erstem Offizier der Kaiserlichen Marine das Eiserne Kreuz zweiter Klasse verliehen

die Versenkung der "PATHFINDER" war Hersings erster, aber nicht sein letzter Erfolg, weitere spektakuläre Versenkungen erzielte er mit U 21 im Mittelmeerraum, wo er vor den Dardanellen die britischen Linienschiffe "TRIUMPH" (am 25. 5. 1915) und "MAJESTIC" (am 27. 5. 1915) versenkte und damit dem Kampf um die Halbinsel Gallipoli eine entscheidende Wendung ab, am 5. Juni 1915 als zweiter Seeoffizier mit dem Orden Pour le merite ausgezeichnet, vernichtete Hersing am 8. Februar 1916 durch Torpedoschuss den französischen Panzerkreuzer "ADMIRAL CHARNER", der innerhalb vier Minuten mit der Besatzung in die Tiefe ging, bei Kriegsende hatte der Gegner durch Kapitänleutnant Hersing insgesamt 36 Handelsschiffe mit 78 712 BRT und vier Kriegsschiffe mit
34 440 t verloren

Otto Hersing überlebte den Krieg, wurde am 31. Juli 1924 als Korvettenkapitän verabschiedet und 1935 als Verbindungsoffizier der Marine zum Wehrkreis 6 berufen, sein Boot, das Seekriegsgeschichte gemacht hatte, versank nach der Kapitulation während der Überführungsfahrt am 22. Februar 1919 aus ungeklärten Gründen, seitdem ruht es auf 54° 45'Nord/04°...'Ost auf dem Grund der Nordsee, als Otto Hersing am 5. Juli 1960 starb, hatte er sein Boot um 41 Jahre überlebt

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