Im Jahre 1534 rüstet der spanische Kammerherr Don Pedro
de Mendoza zu einer Expedition in das angeblich reiche Goldland im Innern
Südamerikas. Seit Kolumbus' Entdeckung sind kaum mehr als 40 Jahre vergangen,
aber seither hat die Herrscher in Europa das Eroberungsfieber nicht mehr
losgelassen. Vasco da Gama umfährt Afrika und erreicht auf dem Seeweg Indien;
F. Magalhäes gelingt die erste Weltumsegelung von Ost nach West und beweist
damit die Kugelgestalt der Erde. Die Gerüchte über unermesslich reiche Schätze
in den fernen, unbekannten Ländern steigert die Gier der Könige nach Eroberung
und lockt die Abenteurer Europas auf die Expeditionsschiffe. Der Kontinent
wird von einem Goldrausch erfasst, der nur noch mit dem des 19. Jahrhunderts
zu vergleichen ist, als der weiße Mann in den Wilden Westen Nordamerikas
vordrang. Nun — im Jahre 1534 — befinden sich unter den 2.500 Spaniern, die
auf das Auslaufen der 14 Schiffe Mendozas warten, auch 150 Deutsche, darunter
auch Ulrich Schmiedel, der zweite Sohn des Bürgermeisters von Straubing.
Am 24. August 1534 beginnt die Fahrt von Sevilla
abwärts. Im Delta des Guadalquivir herrscht völlige Windstille, so daß erst am
1. September in See gestochen werden kann. Über die Kanarischen und
Kapverdischen Inseln segelt die Flotte dem großen Abenteuer entgegen. Das Jahr
1535 hat schon begonnen, als man das keineswegs einladende, sumpfige Delta des
„Silberflusses" Rio de la Plata erreicht. Unweit der Mündung wird
notdürftig ein Fort errichtet, das die Europäer gegen erwartete Angriffe der
braunhäutigen Eingeborenen schützen soll. Mit diesem Fort ist der Grundstein
gelegt für das heute Millionen Einwohner zählende Buenos Aires, die Hauptstadt
Argentiniens.
Mit dieser Gründung beginnen aber auch die kriegerischen Auseinandersetzungen,
vor allem mit dem Stamm der Charruas, die sich als ebenso intelligente wie
gefährliche Gegner erweisen. Noch schlimmer aber ist der Mangel an
Verpflegung, der sich für die Spanier rasch zu einer Hungersnot auswächst.
Mendoza schickt eine Abteilung von 300 Mann auf sieben Brigantinen
flussaufwärts, um Lebensmittel zu besorgen, da sich die Todesfälle im Lager
bedenklich häufen. Aber die Truppe, zu der auch Schmidel gehört, findet nur
verbrannte Dörfer, versengte Felder. Die Indianer sind mit ihren Familien und
ihrer ganzen Habe ins Innere des Landes geflüchtet. Von den dreihundert Mann
kehrt nur noch die Hälfte — abgemagert, erschöpft und mit leeren Händen —zum
Fort zurück. Kaum sind die Männer in der inzwischen ausgebauten Ansiedlung
eingetroffen, da beginnt der Angriff, zu dem sich vier Indianer-Stämme — die
Charruas, Querandis, Guaranis und Timbus — in einer Stärke von rund 23.000
Mann zusammengefunden haben. Der Sturm der Braunhäutigen wird zwar trotz ihrer
riesigen Übermacht dank der modernen Feuerwaffen der Besatzung abgeschlagen.
Aber gegen die Brandpfeile der Indianer sind die Eroberer machtlos. Die
Holzhaus-Siedlung geht in Flammen auf und die Europäer müssen sich auf ihre
Schiffe zurückziehen. Nach einem Jahr voller Entbehrungen und Verluste in
immer neuen Kämpfen gegen die kriegerischen Eingeborenen hält Mendoza eine
Heerschau ab. Das Ergebnis ist wenig ermutigend. Von den 2.500 Spanien und 150
Deutschen leben noch insgesamt 710 Mann. Diese traurigen Erfahrungen
veranlassen Mendoza zu dem Versuch einer Koloniegründung in fruchtbareren
Gebieten, wo die Versorgung leichter sichergestellt werden könnte. Eine kleine
Schutztruppe bleibt bei den Schiffen und im Fort zurück. Die anderen, darunter
Ulrich Schmidel, ziehen flussaufwärts und errichten im Landesinnern einen
neuen Stützpunkt, den sie am 15. Juni 1536, am Fronleichnamstag, auf den Namen
Corpus Christi taufen. Die hier lebenden Timbus sind weniger feindlich
gesonnen, und Schmidels Vorschlag an seine Vorgesetzten, es einmal im Guten zu
versuchen, findet offene Ohren. Mendoza selbst freilich glaubt nicht mehr, das
sagenhafte Goldland finden zu können. Er legt sein Amt in die Hände seines
Stellvertreters Ayolas, dem er fest verspricht, nach seiner Heimkehr in
Spanien sofort Waffen, Munition und Lebensmittel zu entsenden. Zwar stirbt
Mendoza auf der Heimfahrt, aber sein Befehl wird, wenn auch mit Verspätung,
ausgeführt.
Ulrich Schmidel hat zwar keinen Offiziersrang innerhalb der Truppe, aber seine
Geschicklichkeit im Umgang mit den indianischen Stämmen hat sein Ansehen doch
erheblich erhöht und er wird immer wieder zum Führer kleinerer Einheiten
ausersehen, die Vorstöße ins Innere unternehmen.
Aus diesen Erlebnissen mit verschiedenen Indianerstämmen formt sich bei ihm
ein buntes und teilweise für den Europäer erschreckenden Bild dieser neuen
Welt. Der bei allen Stämmen herrschende Kannibalismus, die Kopfjagd und das
Skalpieren des besiegten Feindes sind für den hartgesottenen Kriegsmann noch
kein Grund zur Empörung, aber die Behandlung der indianischen Frauen durch
ihre eigenen Männer entsetzt ihn. Beispielsweise gehört es bei ihnen zur
Sitte, daß, wenn ein Mann seiner Frau überdrüssig wird, er sie einfach
erschlägt und verzehrt. Und dieser grauenvolle Brauch wird meist noch während
eines großen Festes ausgeübt.
In Europa hielt man längere Zeit solche Erzählungen und Schilderungen für
absolut unglaubhaft, aber von den verschiedensten Seiten wurden sie bestätigt.
Schmidel selbst nimmt im Laufe der Zeit an einer ganzen Reihe großer
Erkundungsexpeditionen teil, nach Peru und Paraguay, in den Mato Grosso und
den Parana hinauf, er betätigt sich als Siedler, Goldwäscher, Bootsbauer und
Mitgründer von Siedlungen, aus denen sich im Laufe der Jahrzehnte und
Jahrhunderte richtige Städte entwickeln. Nur das verheißene und gesuchte
Goldland findet auch er nicht. Zwar kommen durch die Eingeborenen die Spanier
immer wieder zu Gegenständen aus Gold, aber deren genauen Ursprungsort können
sie nicht feststellen.
Im Jahre 1552, also siebzehn Jahre nach der ersten Landung am Rio de la Plata,
erreicht Schmidel eine Nachricht aus Europa, worin ihn der todkranke ältere
Bruder heimruft. Der neue Befehlshaber, ein gewisser Irala, lässt den
tüchtigen Deutschen nur ungern ziehen, gibt ihm aber eine Botschaft an die
Casa de la India in Sevilla mit. Nach sechsmonatigem Marsch erreicht Schmidel
die Küste bei Santo Vicente und tritt auf einem spanischen Handelsschiff die
Rückfahrt an. Über die Azoren, Lissabon und Sevilla erreicht Ulrich Schmidel
am 26. Januar 1554 Antwerpen.
Die Hoffnung, nun in der Heimat ein ruhiges Leben zu finden, trügt freilich,
denn im Laufe der in Deutschland ausgebrochenen Religionskämpfe müssen alle
zum protestantischen Glauben übergetretenen Bürger auf herzoglichen Befehl
Straubing verlassen und in der Reichsstadt Regensburg Asyl suchen. Dort
beginnt der Abenteurer auf Wunsch seiner Freunde mit der Niederschrift seiner
Erlebnisse im fernen Südamerika. Er muss das Buch in den Jahren bis 1562
geschrieben haben und 1567 erscheint in einem Sammelband von
Reiseschilderungen des Verlages Siegmund Feyerabend bereits ein Auszug aus
Schmidels Reiseberichten.
In der Vorrede zu seinem Buch schreibt Schmidel:
„IM Jahr als mann zalt nach Christi unsers lieben
HErrn und Seligmachers Geburt / Tausent Fünffhundert vier unnd dreyssig /
Hab ich Ulrich Schmidel von Straubing diese nachfolgende Nationes und
Ländern / von Antorff auß / auff dem Meer in Hispanien / Indien und
mancherley Insuln / etc. Mit sonderlicher gefahr in Kriegsleufften durch
gereist und gezogen: Welche gantze reiß (so vom obgemelten Jahr
/1534. Biß auffs Jahr 1554. Da mir Gott der
Allmechtige wieder zu Land geholffen / gewereth) ich / was mir sampt meinen
Mitverwanten / in derselben zu gestanden und begegnet / auff kürtzest hierin
beschrieben hab."
Das Buch selbst wurde erstmals bei Christof Lochner in
Nürnberg verlegt und diente später als Vorlage für Ausgaben in mehreren
fremden Sprachen. In Frankreich erschien noch im Jahre 1837 eine 10bersetzung,
in spanischen Geschichtswerken über Argentinien und Paraguay wird Ulrich
Schmidel mit seinen Schilderungen aus der Konquistadorenzeit lobend erwähnt,
und in Deutschland widmete noch 1881 der Rektor Joh. Mondschein zu Straubing
dem weitgereisten Sohn seiner Heimatstadt eine Neuausgabe seines Werkes.