er ist schon fast 20 Jahre tot, und wenn er
noch lebte, wäre er heute - 55 Jahre nach dem Ende des II. Weltkrieges und
damit des kurzlebigen "Tausendjährigen Reiches"
Adolf Hitlers - 95 Jahre alt, Albert Speer,
der "Lieblingsarchitekt des Führers", sein Reichsminister für
Bewaffnung und Kriegsproduktion und zugleich einer der engsten persönlichen
Vertrauten des verhinderten Künstlers Adolf Hitler, aber in den Medien lebt er weiter und findet dort immer wieder
Erwähnung, gründliche Biographen sorgen von Zeit zu Zeit für seine
Aktualisierung durch dickleibige Bücher
so berichtete der "Spiegel" in seiner
Ausgabe vom 8. Mai dieses Jahres, dass am 15. 5. 2000 im Londoner National Theatre unter
der Regie von Trevor Nunn ein
Albert-Speer-Bühnenstück von David Edgar zur
Uraufführung kommen würde und der "Spiegel" hatte auch schon im Heft
38/1999 seinen Lesern die für den 28. September 1999
angekündigte neueste Speer-Biographie des früheren FAZ-Herausgebers und
namhaften Zeitgeschichts-Publizisten Joachim C. Fest
(Jahrgang 1926) durch eine längere Rezension und Vorabdruck eines Kapitels
vorgestellt
zum aktuellen Weiterleben
Albert Speers gehört es auch, dass sein gleichnamiger ältester Sohn
(geboren 1934), eins von sechs Speer-Kindern, Träger mehrerer
Architektur-Preise, Leiter eines Architektur-Büros mit zeitweilig 70
Mitarbeitern und ebenfalls erfolgreicher Stadtplaner mit Professorentitel, den
"Masterplan" für die "Expo 2000" in Hannover entwickelt hat
ein weiteres Mitglied des Speer-Clans, die
Speer-Tochter Hilde Schramm (geboren 1936), stieg
bei den Alternativen (den heutigen Grünen) in die Berliner Politik ein, ließ
sich 1985 ins Abgeordnetenhaus wählen und brachte
es schließlich im März 1989 zur ersten
alternativen Vizepräsidentin eines deutschen Parlaments, ihr Bruder, der
inzwischen 66jährige "Junior" einer ganzen Dynastie hochbegabter
Architekten, hat sich übrigens - im Gegensatz zu seinem Vater auch weit über
Deutschlands Grenzen hinaus durch öffentliche Bauten und Städteplanungen
architektonische Denkmäler gesetzt - so z.B. in Algerien, Iran und Nepal
dass Hitlers ehemaliger Bau- und Rüstungschef,
ohne dessen organisatorische Leistung und Produktionssteigerung auf dem Gebiet
der Rüstung (mit Einsatz vieler hunderttausend Zwangsarbeiter, KZ Häftlingen
und Kriegsgefangener) das Deutsche Reich gar nicht in der Lage gewesen wäre,
einen 5 1/2jährigen Weltkrieg gegen personell und materiell weit überlegene
Gegner bis zum 8. Mai 1945 durchzustehen, nach
wie vor eine schillernde Persönlichkeit der Zeitgeschichte ist, wird bereits
deutlich, wenn man nur eine Auswahl der über ihn veröffentlichten
Charakterisierungen aus den letzten 50 Jahren zusammenstellt, dabei entdeckt
man u.a. folgende Formulierungen: "Hitlers Mann fürs Gigantische", "Hitlers
erklärter Liebling", "wohlerzogener Großbürger", "Gentleman des
Bösen", "Historiker, Schriftsteller, Biograph", "begabter
Organisator", "Hauptkriegsverbrecher", "des Teufels Architekt",
"ein Mann zu allem fähig", "ein einmaliges Organisationstalent",
"Prototyp des Superopportunisten", "beinahe Hitlers Freund", "Wahrheitssucher",
"eine Art Speerspitze des Widerstandes", all dies trifft auf Albert Speer irgendwie zu: wie sein Lebenslauf,
seine Äußerungen und sein Handeln belegen und nichts davon reicht allein zu
seiner Kennzeichnung und Bewertung - auch aus heutiger Sicht - aus
als Sohn und Enkel erfolgreicher Architekten
wurde Albert Speer am 19.
März 1905 in Mannheim geboren und wuchs in einem großbürgerlichen
Milieu auf, nach bestandenem Abitur in Heidelberg stellte sich ihm die Frage
der Berufswahl, eigentlich wollte er einmal Mathematiker werden, doch sein
Vater, der nicht nur ein gefragter Architekt, sondern auch Besitzer mehrerer
Häuser war, hielt die Mathematik nicht für ein anstrebenswertes Berufsziel,
daraufhin folgte der Sohn der Familientradition und studierte in den Jahren 1924/27 Architektur an den Technischen
Hochschulen Karlsruhe, München und Berlin, nach Studienabschluss mit der
Prüfung als Diplomingenieur, blieb er der TH Berlin-Charlottenburg für die
nächsten Jahre weiterhin verbunden, die Wertschätzung eines seiner wichtigsten
Lehrer, des Professors Heinrich Tessenow (1876 -
1950), der durch den Bau der Gartenstadt Hellerau bei Dresden und durch den
Umbau der Schinkelschen Neuen Wache in Berlin Unter den Linden zum Ehrenmal
für die Gefallenen des I. Weltkrieges bekannt wurde, kam darin zum Ausdruck,
dass er Speer zu seinem 1. Assistenten machte, diese Funktion übte er bis 1932 aus, als er eine freie Architektentätigkeit
aufnahm
im Gegensatz zu seinem Schüler Speer hielt Professor
Tessenow stets Distanz zum Nationalsozialismus, in jenen Jahren geriet
- angesichts der allfällig deutlich spürbaren Folgen des von Deutschland
verlorenen Krieges 1914/18, des Versailler
Diktatfriedens, von Inflation, wachsender Arbeitslosigkeit, des Überschwappens
der Weltwirtschaftskrise auf Deutschland und der Hilflosigkeit der etablierten
Parteien bei der Bekämpfung dieser Übel - das deutsche Volk und nicht zuletzt
die damals junge Generation immer stärker in den dämonischen Sog des
Nationalsozialismus und seines demagogischen "Vortrommlers" Adolf Hitler (1889 - 1945), den man heutzutage
wohl einen "Rechtspopulisten" nennen würde
Speer trat am 1. 3. 1931 in die SA ein und im Jahr darauf in
die Hitlerpartei mit der Mitgliedsnummer 474 481, Albert
Speer war aber niemals ein politischer Straßenkämpfer wie der zwei
Jahre jüngere, von Kommunisten ermordete Berliner Student und SA-Sturmführer Horst Wessel (1907 - 1930), der von Berlin aus
zum legendären Märtyrer und zur Gallionsfigur des Nationalsozialismus wurde
Für die wachsende Radikalisierung der
politischen Landschaft im Deutschen Reich setzten die Reichtstagswahlen vom 14. 9. 1930 ein markantes Signal - 18,3 % aller
Wähler gaben nämlich der NSDAP und 13,1 % den Kommunisten (DKP) ihre Stimme,
womit die Radikalen von links und rechts fast ein Drittel aller Wähler für
sich gewinnen konnten, die NSDAP steigerte die Zahl ihrer Mandate mit einem
Schlag von 12 auf 107 und wurde damit - hinter der SPD - zweitstärkste Partei
in der deutschen Volksvertretung, gleichzeitig erhöhten die Kommunisten ihre
Abgeordnetenzahl von 54 auf 77, diese Gewinne der KPD steigerten die Besorgnis
der bürgerlichen Schichten vor einer Bolschewisierung Deutschlands und führten
der NSDAP wiederum neue Wähler zu, so dass bei den Wahlen am 6. 11. 1932 33,1 % aller Wählerstimmen den "Nazis"
zufielen und 16,9 % den Kommunisten, beide extremistischen Parteien stellten
nunmehr 319 (230 + 89) von insgesamt 608 Abgeordneten, das war der politische
Hintergrund, vor dem sich von nun ab der Aufstieg des Jungarchitekten Albert Speer bis in die Führungsspitze des
Deutschen Reiches vollzog, über Karl Hanke (1903
- 1945), einen gelernten Müller, der damals schon hauptamtlicher
NSDAP-Funktionär bei der Berliner Gauleitung war und es schließlich bis zum
Gauleiter und Oberpräsidenten von Niederschlesien bringen sollte, erhielt Albert Speer im Jahre 1932 den ersten
Parteiauftrag: die Errichtung eines Bezirksbüros des Gaues Berlin in der
Beymestraße sowie den Umbau und die Einrichtung des sogenannten "Adolf
Hitler-Hauses" als Sitz der Berliner Gauleitung, daraus ergab sich auch
ein persönlicher Kontakt zum Gauleiter Dr. Josef
Goebbels (1897 -1945), der Speer wiederum
mit Hitler bekannt machte, den er aus der Ferne
schon zuvor bei einer eindrucksvollen Rede vor Berliner Studenten erlebt
hatte, dieses Erlebnis war für den jungen Architekten der letzte Anstoß,
selbst Mitglied der NSDAP zu werden
weitere Parteiaufträge folgten und nach Hitlers Berufung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 auch die Betrauung mit
staatlichen Bauplanungen, in Abstimmung mit Dr. Goebbels,
der auch Reichspropagandaleiter der NSDAP und Reichsminister für
Volksaufklärung und Propaganda war, entwickelte Speer
einen neuen, geradezu kultischen, tiefen psychologisch wirksamen Stil der
NSDAP Großkundgebungen - z.B. zur Feier am 1. Mai 1933
auf dem Tempelhofer Feld in Berlin, auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände
und zum Erntedankfest auf dem Bückeberg - mit quaderartigen Bauten, Treppen,
Pylonen, Fahnenwänden, Lichtdomen und gegliederten Menschenmassen, auch an der
Gestaltung des Reichssportfeldes durch den Architekten
Werner March (1894 - 1976) für die Berliner Olympischen Spiele von 1936 war Speer
planend und beratend mit beteiligt, sein bedeutendster repräsentativer
Staatsbau in den 30er Jahren war die in nur einjähriger Bauzeit
fertiggestellte Neue Reichskanzlei in der Voßstraße, die ab 1939 der offizielle Amtssitz des "Führers und
Reichskanzlers" Adolf Hitler, war, Ausdruck
von Hitlers Wertschätzung für seinen
Lieblingsbaumeister war - nach der Verleihung des Professorentitels - dessen
Ernennung zum "Generalbauinspekteur für die Reichshauptstadt" am 30.
Januar 1937
einen derartig großen Einfluss auf die
architektonische Gestaltung Berlins hatte vor dem erst 32jährigen Baumeister Albert Speer nur der berühmte Karl Friedrich Schinkel (1781 - 1841) als
königlich-preußischer »Oberlandesbaudirektor«, unter dem einst Speers Großvater das Bauwesen studiert hatte,
aber im Gegensatz zu Schinkels baulichen
Leistungen überlebten von Speers Bauten in der
Reichshauptstadt nicht viele das Kriegsende 1945,
wenn sie nicht überhaupt nur eine Vision blieben wie etwa eine 220 Meter hohe
Versammlungshalle vor dem Reichstag oder ein monumentaler Triumphbogen aus
Anlass des erwarteten deutschen Sieges im II. Weltkrieg, geblieben ist z.B.
die großzügig breite Ost-West-Achse durch den Tiergarten, deretwegen sogar die
»Siegessäule« zur Erinnerung an die deutschen Einigungskriege des 19.
Jahrhunderts umgesetzt wurde, Hitlers und Speers Vorstellungen von einer »Welthauptstadt
Germania« blieben eine Schimäre
in den wenigen Jahren bis zum Kriegsausbruch im September 1939 häuften sich Ämter und Ehrungen
für den Baumeister Speer, so wurde er u.a. schon 1934 »Beauftragter
für Städtebau« im Stabe des Stellvertreters des Führers (d.h. bei Rudolf
Heß 1894 - 1987), im selben Jahre wurde ihm die Leitung des »Amtes für
Schönheit der Arbeit« innerhalb der »Gemeinschaft Kraft durch Freude«
in der Deutschen Arbeitsfront (DAF) übertragen, damit war er zuständig für die
Umgestaltung und Kontrolle aller gewerblichen Betriebe in Deutschland
hinsichtlich gesundheitlicher und schönheitlicher Grundsätze sowie für die
Prüfung aller Entwürfe für die »Häuser der Arbeit« im gesamten
Reichsgebiet, am 15. 11. 1935 ernannte ihn
Goebbels zum Mitglied des Reichskultursenates, überdies wurde ihm als
Unterabteilungsleiter in der Reichspropagandaleitung der NSDAP die
künstlerische und technische Ausgestaltung aller Großkundgebungen übertragen,
dazugehörte u.a. der Ausbau des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes, 1938 wurde Speer von Göring in den Preußischen Staatsrat berufen, im
gleichen Jahr verlieh ihm Hitler- das Goldene
Parteiabzeichen der NSDAP, das ursprünglich nur für »Alte Kämpfer« mit
Mitgliedsnummern unter 100.000 vorgesehen war