Am Nachmittag des 15. April 1931 fuhr eine Autokarawane
von Osnabrück zum Ochsenmoor am Dämmersee. Das Osnabrücker Verkehrs- und
Presseamt hatte Behörden und Presse eingeladen zur praktischen Vorführung
neuartiger Raketen, von Reinhold Tiling hier in den, letzten Jahren
entwickelt und erprobt.
Zuerst musste der Erfinder vor den surrenden Kameras von
»Fox Tönender Wochenschau« noch einmal über Prinzip und Zweck seiner
Konstruktionen berichten, dann wurde Signal gegeben: »Start frei für die erste
Rakete!« Die Beobachter hatten sich in respektvoller Entfernung vom
Startplatz versammelt; nur die Fotografen mussten sich wohl oder übel etwas
mutiger zeigen. Aber alle kamen auf ihre Kosten.
Tiling startete seine Raketen aus einem so genannten »Lancierrohr«.
Aber lassen wir den Reporter des »Münsterischen Anzeigers« berichten: »Langsam,
beinahe zögernd, kommt sie aus dem Lancierrohr heraus, hat eine ganz normale
Geschwindigkeit, steigert sie dann aber von Etappe zu Etappe, bis sie
schließlich blitzartig, wie von einer unsichtbaren Macht angezogen, in der
Höhe verschwindet, um schließlich in schätzungsweise 2500 bis 3000 Meter
Entfernung nach Erreichen des Kulminationspunktes im Dämmersee niederzugehen.«
Die Sensation der Vorführungen war jedoch der »echte
Raketenflug«, den eine besonders geniale Konstruktion Tilings ermöglichte.
Ein anderer Berichter (»Hannoverscher Kurier«) schildert die Eindrücke eines
solchen Raketenfluges bei einer späteren Vorführung sehr anschaulich:
»>Hallo, hier Tiling! Aber selbstverständlich, es
bleibt dabei. Heute nacht 2 Uhr. Treffpunkt Arenshorst!< Also hieß es, die
Nacht sich um die Ohren schlagen. Ein geringes Opfer angesichts der schon
lange ersehnten Einladung, einem nächtlichen Start der neuesten
Raketenflugzeuge des Osnabrücker Erfinders beizuwohnen. Eine halbe Stunde
später biegt unser Wagen in die prachtvolle Allee, Eingangspforte zu Gut
Arenshorst, dem Rittersitz der Herren von Ledebur, ein. Spärliche Lichter
zittern auf verschlafen träumendem Teich. Rasch ein Blick in die geräumige
Werkstatt, wo handfeste Monteure letzte Vorbereitungen treffen. Ein kurzer
Händedruck mit Tiling selbst. Schon brausen wir los ...
Bald ist auf einem Fischerkahn der Start im offenen See
erreicht, nahe bei einem dichten Röhricht aus Schilf und Kraut. Der schnittige
Rumpf des stromlinienförmigen Flugkörpers wird behutsam über das Lancierrohr
geschoben und glänzt silberweiß unter den frühen Sonnenstrahlen. Wir rudern
einige hundert Meter seitab, in respektvoller Entfernung der großen Dinge
harrend ...
Schon braust ein lang gestreckter Körper, geführt von
vier stromlinienförmig ausgebildeten Leitflossen, durch die fauchende Kraft
der Pulverrakete gehoben, senkrecht in den Himmel. Zuerst langsam sich
loslösend von dem wegweisenden Leitrohr, dann an Geschwindigkeit immer mehr
zunehmend. In 2000 Meter Höhe scheint die Kraft zu erlahmen. Da aber geschieht
das Unerhörte::
Dem geschossähnlichen Flügel, und mit verblüffender Selbstverständlichkeit
gleitet nun in Spiralen ein Segelflugzeug mit 4 Meter Spannweite - wie von
Menschenhand gesteuert - zur Erde zurück auf die leichtbewegte Fläche des
weithin schimmernden Sees. Rasch ist das breitflossig schwimmende Flugzeug
eingeholt - und nach Austausch der Rakete zu zweitem und drittem Flug
fertiggemacht . . . Ein unvergleichlich schönes Erlebnis.«
Reinhold Tiling wurde am 13. Juni 1893 in Absberg bei
Ansbach als Sohn eines Pfarrers geboren. Er studierte Maschinenbau und
Elektrotechnik und wurde im 1. Weltkrieg Pilot eines Beobachtungsflugzeuges.
Nach dem Krieg blieb er der Fliegerei treu, wurde Flugleiter in Osnabrück und
machte als Kunstflieger von sich reden. Auch ihn faszinierte das zu Anfang der
zwanziger Jahre erschienene Buch von Hermann Oberth von der »Fahrt zu den
Planetenräumen«. Er begann sich für den Raketenbau zu interessieren und
beschloss auch bald, sich selbst auf diesem Gebiet zu versuchen.
Tiling begann bescheiden mit im Handel erhältlichen
Feuerwerksraketen. Er versuchte die Brenndauer zu verlängern und bastelte
erste Flugkörper mit besonders guter aerodynamischer Form. Aber der
Osnabrücker Flugbetrieb war keine Basis für eine Raketen-Entwicklung. Da
lernte Tiling den Freiherrn Giesbert von Ledebur kennen, der sich für die
Arbeit mit Raketen begeisterte und ihm Platz auf seinem Gut Arenshorst zur
Verfügung stellte. Hier baute Tiling eine Werkstatt, hier hatte er Gelände für
Versuche, die jedoch zunächst geheim blieben.
Von Anfang an wollte Tiling nicht nur die
Leistungsfähigkeit der bis dahin bekannten Raketen verbessern, sondern er
wollte die Rakete mit einem flugfähigen Körper verbinden, er wollte das
Raketenflugzeug schaffen. Er war nüchterner als viele andere Raketenbauer
seiner Zeit. Zwar hielt auch er die Weltraumfahrt für das letzte Ziel der
Raketenentwicklung, aber er war gleichzeitig davon überzeugt, daß man vorher
den Raketenflug - ob bemannt oder unbemannt - quer über Deutschland, von
Kontinent zu Kontinent und um unseren Erdball herum erleben werde.
In einem Vortrag beschrieb er selbst, wie er zu seinen
Raketenflugkörpern kommen wollte : »Alle höheren Geschwindigkeiten
unterworfenen Körper müssen bekanntlich Formen annehmen, wie wir sie bei
Geschossen vorfinden, lang gestreckt, stromlinienförmig, unter ängstlicher
Vermeidung in den Raum ragender Bauteile. So kann das Raketenflugzeug
angesichts seiner Geschwindigkeiten von über 1000 km/ Std. in den unteren
Luftschichten (Troposphäre), und mehreren 1000 km/ Std. in den luftverdünnten
Schichten (Stratosphäre) förmlich nicht anders ausfallen, als etwa ein
Geschoß-Torpedo.
1928 erhielt Tiling sein erstes Patent auf ein "Raketenflugzeug mit ausschwenkbaren
Tragflächen" (DRP 509 115). Bei den späteren Vorführungen hatte das größte
Modell dieser Bauart eine Länge von drei Metern und eine Spannweite von vier
Metern. Die Tragflächen waren in zwei der vier Leitflossen so eingelassen, daß
sie bei Erreichen der größten Flughöhe durch einen Zeitzünder ausgeklappt
werden konnten. Mit Hilfe der Tragflächen segelte der Flugkörper in sanftem
Gleitflug auf die Erde zurück.
Ein zweites Patent erhielt Tiling auf eine Rakete, bei
der die Leitflossen im höchsten Flugpunkt so verstellt wurden, daß sie wie bei
einem Tragflügler (Hubschrauber) wirkten, und den Flugkörper verhältnismäßig
langsam und jedenfalls unbeschädigt absteigen ließen. Bei den öffentlichen
Vorführungen wurden im allgemeinen Flughöhen von einigen tausend Metern
erreicht. Tiling ließ aber keinen Zweifel daran, daß er sich mehr vorgenommen
hatte. Neben den Hoch- und Weitflügen waren funkgesteuerte Flüge - als
besondere Attraktion auch über den Ärmelkanal -geplant. Ziel der Entwicklung
war jedoch der bemannte Raketenflug. Einwände wegen der Gefährlichkeit eines
solchen Fluges ließ er nicht gelten: »Selbstverständlich wird man von dem
Flugzeugführer normale Geschicklichkeit auch im Moment der
Tragflächenauslösung verlangen müssen, wie man sie bei der Ausführung von
Kunstflügen mindestens auch verlangen muss. Wenn man überhaupt von
konstruktiven Schwierigkeiten reden kann, so stehe ich auf dem Standpunkt, daß
diese da sind, um überwunden zu werden. Ich werde es ja letzten Endes selbst
übernehmen, den bemannten Raketenflug in der von mir gezeigten Form
durchzuführen.« Tilings Absichten lagen ursprünglich vor allem auf dem
militärischen Gebiet. Er zählte selbst in einer Aufstellung eine lange Liste
militärischer Anwendungsmöglichkeiten seiner Raketen auf:
Geschoßrakete für Land- und Luftkrieg;
Flugzeugbombe für den Horizontalschuß;
Lenkgeschoß für große Entfernungen;
Antriebsmittel für Unterwassergeschosse;
Signalrakete;
Nachrichtenmittel mit Fernlenkung;
Zieldarstellung bei der Ausbildung der Truppe in der
Luftabwehr. Bei den zivilen Anwendungsmöglichkeiten ist Tilings Liste nicht so
lang. Er sieht ferngelenkte Raketen-Postflugzeuge vor, die vor allem zur
Überwindung von Gebirgen, Flüssen und Meeresgebieten dienen können. Außerdem
können die Raketen Starthilfen für Segel- und Wasserflugzeuge bilden; auch
sind Höhenfluggeräte für meteorologische Messungen denkbar.
Dr. Adolf Sonnenschein in Osnabrück, im Weltkrieg der »Franz«
(Beobachter) Tilings, vermittelte Kontakte mit der damaligen Marineleitung.
Nach Probeschüssen auf dem Kruppschen Schießstand in Meppen erhielt Tiling
erste Aufträge und Finanzierungshilfen. Das Land Oldenburg stellte die
Nordsee-Insel Wangerooge für Raketenversuche zur Verfügung. Hier konnte er
seine Starts vor fachkundigem Publikum unter größtmöglicher Geheimhaltung
durchführen.
Zur Verlängerung der Brenndauer von Pulverraketen entwickelte Tiling eine
ebenfalls patentierte Rakete mit einem Verhältnis von Durchmesser zu Länge bis
1:15, gegenüber dem bis dahin üblichen Verhältnis von 1:6. Die »Seele« dieser
Raketen bestand aus einem festen gepreßten Pulverkern, welcher in gewissen
Abständen von einer Dämmscheibe aus keramischem Stoff unterbrochen wurde. Dies
hatte zur Folge, daß die Verbrennung des Pulvers relativ langsam und
gleichmäßig vor sich ging, was wiederum lange Brenndauer bzw. große Reichweite
oder Steighöhe der Raketen ermöglichte.
Trotz dieser anerkannten Verbesserung der Pulverrakete
war sich auch Reinhold Tiling darüber im klaren, daß für sehr große
Schubleistungen und sehr lange Brenndauer nur die Flüssigkeitsrakete in Frage
kam. »Der Weg, den ich mir ausgesucht habe, ist der Weg von der
verbesserten Pulverrakete, über den flugfähigen Raketenflugkörpers zur
Flüssigkeitsrakete, wobei letztere ebenfalls nur als Antriebsmittel für den
entwickelten Flugkörper zu verstehen ist.«
Das Verhältnis Tilings zu den Militärs war nicht
ungetrübt. Tiling war vor allem enttäuscht, daß man ihm als ehemaligem
Offizier und Kriegsteilnehmer nicht mehr Vertrauen schenkte, und so verlegte
er sich ab 1931 mehr auf öffentliche Vorführungen, bei welchen um des lieben
Geldes willen auch manche etwas billige Attraktionen gezeigt wurden.
Vielleicht muss man dazu auch die Postraketen rechnen, welche besonders
gestempelte Postkarten beförderten. Wenn die Rakete mit der Post wieder
gelandet war (dazu benutzte Tiling seine Flugraketen mit dem
Tragflügler-System), wurden die Karten aufs nächste Postamt getragen und ganz
normal zum Empfänger gebracht. Heute sind solche Karten für Sammler natürlich
von einigem Wert.
Einen letzten, fast möchte man sagen verzweifelten,
Versuch mit der militärischen Anwendung seiner Raketen machte Tiling 1933. Mit
finanzieller Unterstützung von Freunden kaufte er eine »Klemm 35«, ein damals
weltbekanntes Sportflugzeug aus Holz, und ließ unter die Tragflächen
Raketenabschuß-Vorrichtungen montieren.
Nach Vorversuchen in Arenshorst ging es nach Wangerooge,
wo Tiling die Herren der örtlichen Marinedienststelle einlud, seine
Vorführungen zu beobachten. Lassen wir wieder einen Augenzeugen berichten, den
Freund und Gönner Freiherrn von Ledebur:
»Er flog von Süden unsere gewohnte Abschuss-Stelle
an. Genau über ihr zeigte eine Rauchwolke unter der Tragfläche aus Holz und
Stoff uns die Zündung an. Dann schoss pfeilgerade der Rauchschwanz der Rakete,
dem Flugzeug vorauseilend, auf die See hinaus. Sekunden später stieg fern am
Horizont eine Wassersäule auf, den Einschlag anzeigend. Der erste >Bombenwurf
nach vorn( – so bezeichnete es Tiling nach der Landung – war geglückt!«
Bei einem zweiten Start schoss Tiling im Sturzflug eine Rakete auf eine am
Boden gezeichnete Zielscheibe ab.
Die Wangerooger Marineleute waren begeistert. Die
Reaktion der Marineleitung in Berlin war allerdings für Tiling und seine
Freunde enttäuschend. Einige Tage später erhielt er einen Brief,
unterschrieben vom damaligen Kapitän zur See und späteren Generaladmiral
Witzei, in dem in vier Zeilen mitgeteilt wurde, daß »die Marine solche
halsbrecherischen Feuerwerkskunststücke nicht mitmache«.
Tiling bat nun um die Freigabe seiner »Geheim-Patente«,
erhielt diese, und wandte sich an ausländische Interessenten. Insbesondere die
Engländer waren auf Things Versuche aufmerksam geworden und eine englische
Militärkommission kündigte ihr Kommen zu einer umfangreichen Raketenvorführung
im Oktober 1933 an.
Offenbar wurden die Vorbereitungen in zu großer Eile
getroffen. Am Nachmittag des 10. Oktober flog das Tilingsche
Raketenlaboratorium in die Luft. Die Presse, mit der die Pulverladungen der
Raketen in die richtige Form gepresst wurden, war explodiert. Im Nu entstand
ein Brand, der auch die Pulvervorräte, die sich in der Werkstatt befanden,
ergriff und alles in einem Inferno aus Flammen, Rauch und Trümmern versinken
ließ.
Tiling und seine zwei Helfer, die Assistentin Angelika
Buddenböhmer und der Monteur Friedrich Kuhr, erreichten noch lebend das Freie,
erlagen aber alle drei am nächsten Tag den schweren Brandverletzungen. Tiling
berichtete noch sterbend und unter ungeheuren Schmerzen über den Hergang des
Unglücks und über seine weiteren Pläne.
Einige Mitarbeiter versuchten zwar die Arbeit weiterzuführen, denn es hatten
sich ja keine Fehler am System oder an den Ideen Tilings ergeben. Aber 1934
ließ die Heeresleitung die Werkstätte in Arenshorst schließen und
beschlagnahmte alle Akten und technischen Aufzeichnungen.
Das neue Regime und seine militärischen Berater hatten
sehr schnell erkannt, welche Möglichkeiten die Raketenentwicklung bot. Jetzt
war keine Chance mehr für private Gruppen und schon gar nicht für solche, die
Kontakt mit dem Ausland hatten. Das Heereswaffenamt in Berlin sorgte für die
Zusammenfassung der gesamten deutschen Raketenentwicklung. Am Ende dieser
Anstrengungen standen Peenemünde und die V2, die Riesenrakete, die nur vier
Jahrzehnte nach Tilings tragischem Tod Grundlage für den Flug von Menschen zum
Mond sein sollte.
Die Ideen Tilings haben sich durchgesetzt. Im Zweiten
Weltkrieg setzten sowohl die Alliierten, als auch die Deutschen Raketen vom
Flugzeug aus ein, und in unseren Tagen geht man dazu über, Weltraumfahrzeuge –
zu Tilings Lebzeiten utopische Gefährte – nicht mehr mit dem Fallschirm,
sondern als Gleitflugzeug zur Erde zurückzubringen.
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