
Johann von Werth
Das niederrheinische Dorf Büttgen bei Neuss,
das seit 1975 zur Stadt Kaarst gehört, ist unter den Fußballfreunden unserer
Tage als Heimat des Bundestrainers Berti Vogts bekannt, aber kaum jemand weiß,
daß in Büttgen vor gut 400 Jahren ein seinerzeit nicht minder prominenter Mann
als der heutige "Bundes-Berti" zur Welt gekommen ist.
Johann von Werth - neben Pappenheim einer der bekanntesten deutschen
Reitergenerale aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, er gilt zudem als
einer der "meistporträtierten Heerführer seiner Zeit".
Ein Porträt im Kleinformat wurde noch 1991 in Deutschland millionenfach in
Form einer 60-Pfennig-Sondermarke der Deutschen Bundespost verbreitet. Darauf
ist der mittlerweile geradezu legendäre Reiterführer an der Schwelle des
ausgehenden Mittelalters zur beginnenden Neuzeit in voller Montur mit
Feldharnisch und wehender Schärpe auf einem galoppierenden Schlachtross zu
sehen. An ihn erinnert aber auch eine Reiterdarstellung im Wappen der früher
selbständigen Gemeinde Büttgen, worauf wiederum das Wappen der neuen Stadt
Kaarst Bezug nimmt. Schließlich lebt der Name des Büttgener Bauernsohnes
ebenfalls fort im "Reitercorps Jan von Werth e.V.", einem aktiven
Kölner Karnevalsverein.
Auch in Festzügen anlässlich von rheinischen Schützenfesten trifft man
gelegentlich einen als Jan von Werth kostümierten Reiter.
Das man es früher mit der Schreibweise von Personennamen nicht allzu genau
genommen hat, zeigt ein Hinweis in "Meyers Lexikon" von 1930, wonach
der berühmte Reiterführer des 30jährigen Krieges in irgendwelchen
zeitgenössischen Dokumenten auch Jan de Werth, Wörth, Werd und Weert genannt
wird. Er selbst hat sein Testament aus dem Jahre 1652 mit der Formulierung "Finis
testamenti: D. Baronis Jois de Weerth" unterschrieben.
Geboren wurde dieser in vielen Feldzügen und Schlachten bewährte Soldat
irgendwann im Jahre 1591 in dem damals zum geistlichen Kurfürstentum Köln
gehörenden Dorf Büttgen als eines von neun Kindern eines nicht gerade in
üppigen Verhältnissen lebenden Bauern. Allerdings gab es in der ursprünglich
in Friesland beheimateten Familie die Überlieferung, daß sie dort ein altes,
rittermäßiges Geschlecht war und nach der Reformation wegen ihres unbeirrbar
katholischen Glaubens aus der alten Heimat vertrieben wurde.
Auf alle Fälle führte die verarmte Adelsfamilie in Büttgen ein recht
bescheidenes Leben, so daß auch die Kinder von klein auf in der Landwirtschaft
mitarbeiten mussten. So wird von dem nachmaligen General und Grafen Johann von
Werth berichtet, daß er als Junge zu Hause auf dem "Weilerhof" die
Schweine gehütet und im Sommer mit der Sense die Distelköpfe abgehauen habe.
Nach dem Tode des Vaters im Jahre 1606 wurden die Lebensverhältnisse der
Familie noch kärglicher, denn die Mutter musste mit den Kindern in ein
kleineres, älteres Haus umziehen und der halbwüchsige Jan sein Brot auf
fremden Höfen verdienen.
Da nimmt es nicht wunder, daß der junge Werth anderswo sein Glück suchte,
indem er 1610 mit 19 Jahren in das Heer des aus Genua stammenden spanischen
Generals Ambrosio Spinola, Marques de los Balbazes (1569-1630), eintrat. Er
nahm Dienste bei den wallonischen Reitern, wo er sich im Laufe der nächsten
Jahre zum Offizier hochdiente.
1621 wechselte er als Rittmeister (Hauptmann) zunächst in kurkölnische und
dann in bayerische Dienste. Im 30jährigen Krieg kämpfte er u. a. im Heer
Tillys und nahm an den Feldzügen in den Niederlanden, im Elsaß und im
fränkischen Raum teil. 1631 war er bereits bis zum Obristwachtmeister (Major)
im bayerischen Regiment Eynatten aufgestiegen.
In der Schlacht bei Nördlingen (5./6. 9.1634) kämpfte ein
spanisch-kaiserlichbayerisches Heer unter dem Kardinalinfanten Ferdinand
(1609-1641), einem Sohn König Philipps III. von Spanien, und General Matthias
Graf Gallas (1584 bis 1647), es hatte damals dem protestantisch-schwedischen
Heer unter Herzog Bernhard von Sachsen-Weimar (1604-1639) und General Gustav
Horn (1592-1657), einem Jugendfreund und Mitstreiter des 1632 bei Lützen
gefallenen Schwedenkönigs Gustav-Adolf, eine vernichtende Niederlage bereitet.
Hierbei war es der Obristwachtmeister Johann von Werth, der mit seinen Reitern
die Entscheidung herbeigeführt hatte. In dieser Schlacht, an der insgesamt rd.
60.000 Mann teilnahmen, geriet General Horn mit 6000 seiner Soldaten in
Gefangenschaft, und weitere 12000 blieben verwundet oder tot auf dem
Schlachtfeld. Auch Bernhard von Weimar gehörte zu den Verwundeten, außerdem
fielen den Siegern 80 Geschütze und 300 Fahnen in die Hände.
Alles von den Schweden seit 1631 in Süd- und Südwestdeutschland eroberte
Gebiet ging durch diesen Sieg der katholischen Verbündeten wieder verloren.
Johann von Werth wurde für seinen maßgeblichen Anteil daran vom Kaiser
Ferdinand II. (1578-1637) mit der Erhebung in den Freiherrnstand belohnt. Der
bayerische Kurfürst Maximilian I. (1573-1651), der seit 1609 an der Spitze der
Katholischen Liga stand, beförderte ihn zum Feldmarschalleutnant und
Generalwachtmeister.
Nachdem am 27. Oktober 1635 zwischen Bernhard von Weimar und den Franzosen in
St. Germain-en-Laye ein Bündnisvertrag abgeschlossen worden war, worin der
Weimarer sich verpflichtete, gegen eine Zahlung von 4 Mill. Livres ein 18.000
Mann starkes Heer im Sold Frankreichs aufzustellen und ihm darüber hinaus die
Anwartschaft auf die damals österreichische Landgrafschaft Elsaß in Aussicht
gestellt wurde, erschienen auch Franzosen auf dem Kriegsschauplatz in
Deutschland. Sie bemächtigten sich u. a. im Jahre 1637 der kurtrierischen
Festung Hermannstein - später in Ehrenbreitstein umbenannt - bei Koblenz. Nun
rückte Johann von Werth von Köln aus mit Hilfstruppen heran und brachte nach
kurzer Belagerung die Festung durch einen Handstreich wieder in deutschen
Besitz.
Von Werth stammte auch die Idee, den Krieg bis nach Frankreich hineinzutragen,
was vom Oberkommando gebilligt wurde, daraufhin gelangte er an der Spitze der
Vorhut des kaiserlichen Heeres mit seinen Dragonern - das waren mit Musketen
bewaffnete Reiter, als eine Art berittene Infanterie - bis vor die Tore von
Paris. Im weiteren Verlauf der Kämpfe wurde Generalwachtmeister von Werth am
3. März 1638 bei Rheinhausen von gegnerischen Truppen unter Bernhard von
Weimar gefangengenommen und an die Franzosen ausgeliefert, die ihn nach Paris
brachten. Welch hohes Ansehen der bayerische Reitergeneral auch beim Gegner
genoss, belegt die Tatsache, daß er sich in der französischen Hauptstadt gegen
Ehrenwort frei bewegen durfte, bis er nach vier Jahren - am 24. März 1642 -
mit einem hohen Lösegeld freigekauft und gegen den schwedischen General Horn
ausgetauscht wurde.
Bald nach seiner Rückkehr engagierte ihn der Kölner Erzbischof und Kurfürst
Ferdinand von Bayern, auch ein Wittelsbacher wie der bayerische Kurfürst
Maximilian I., als Heerführer, um seine inzwischen feindbesetzte
niederrheinische Heimat zu befreien.
In Begleitung des Kölner Kurfürsten traf er in den ersten Augusttagen des
Jahres 1642 im Lager bei Zons ein, wo er dem Heer als kaiserlicher und
kurbayerischer Generalleutnant der Kavallerie vorgestellt wurde. Er kümmerte
sich zunächst mit gewohnter Tatkraft um die Reorganisation seiner Truppen,
sorgte für neue Bewaffnung, Bekleidung und Verpflegung und stellte die arg
gelockerte Disziplin wieder her.
Danach eroberte er in schnellem Siegeslauf Grevenbroich, Mönchengladbach,
Hülchrath, Liedberg, Neersen, Bedburg und schließlich Düren. Nach der Einnahme
von Düren am 24.10.1642 zog sich der Rest des gegnerischen Heeres bei Wesel
über den Rhein zurück, damit war die Johann von Werth gestellte Aufgabe
erfüllt, und Kurfürst Ferdinand belohnte ihn am 18. 4. 1643 mit der "Burggrafschaft,
Freiheit und Herrlichkeit' Odenkirchen.
Als im Mai 1647 in Ulm ein Waffenstillstand zwischen Bayern, Schweden und
Frankreich geschlossen wurde, geriet der sowohl bayerische als auch
kaiserliche General von Werth in einen schweren Gewissenskonflikt, er fühlte
sich letztlich dem Kaiser mehr verpflichtet als dem abtrünnigen bayerischen
Kurfürsten und versuchte deshalb, seine Truppen dem Kaiser zuzuführen,
daraufhin erklärte ihn Kurfürst Maximilian für vogelfrei und setzte auf seinen
Kopf einen Preis von 10.000 Talern aus, er wurde zudem als Feldherr abgesetzt,
seine Schlösser wurden geplündert und verbrannt, er selbst begab sich nach
Wien und wurde dort vom Kaiser, der die bayerische Acht für nichtig erklärte
und Werth in den Grafenstand erhob. Für seine im Westen Deutschlands
verlorenen Güter wurde er mit der Herrschaft Benatek in Böhmen entschädigt.
Von dort aus zog er noch einmal gegen die Schweden zu Felde und besiegte den
schwedischen General Karl Gustav Graf von Wrangel (1613-1676) im Gefecht bei
Dachau.
Danach zog sich der durch die Strapazen der Feldzüge und zahlreiche
Verwundungen gesundheitlich ziemlich angegriffene und dauernd kränkelnde
Reitergeneral für die wenigen ihm noch beschiedenen Lebensjahre auf sein
Schloss Benatek zurück.
Hier verfasste "Johann von Werth der Römischen Kaiserl. Majestät Kriegsrath,
General über dero Kavallerie und bestellter Obrister zu Ross" kurz vor
seinem Tode ein Testament in dem er seinem Geburtsort Büttgen einige
bemerkenswerte Vermächtnisse zusprach, so hinterließ er nicht nur Geld für
Seelenmessen für sich und seine Familie, für die Armen des Ortes und die
Unterstützung zweier aus Büttgen stammender Studenten, sondern stellte auch
Mittel für eine damals zeitgemäße Stiftung zur Verfügung, um daraus "eine
Malter Weizen zu backen und nach dem Jahrgedächtnis an die Kinder und
Gottesdienstbesucher, die solches begehren, zu verteilen".
Solche "Werth-Wecken" werden auch heute noch am Tag seines
Jahresgedächtnisses in der Büttgener Kirche nach der Messe ausgeteilt. Der
langgediente, kriegsbewährte General, dem auch die Fürsorge für seine Soldaten
und eine möglichst schonende Behandlung der von Kriegswirren heimgesuchten
Landbevölkerung stets am Herzen lagen, starb am 12. September 1652, er wurde
nur 61 Jahre alt. Seine letzte Ruhestätte fand er in der Gruft der Kirche "Maria
Geburt" in Neu-Benatek, wo auf einer schlichten Grabtafel aus Zinn
vermerkt ist: Johannes Liber baro de Werth, Dominus in Benatek, Odenkirchen,
Grumbach, Kellenberg, Erbach etc., "Bodenstein", in seiner Büttgener
Heimatkirche erinnert an diesen großen Soldaten ein Denkmal, das Johann von
Werth betend darstellt, wesentlich repräsentativer ist das prächtige
Standbild, das ihm die dankbare Stadt Köln errichtet hat, dort wird auch seine
Rüstung aufbewahrt.
Der Büttgener Bauernsohn Johann von Werth ist nach Herkunft, Werdegang und
Leistung eine auch heute noch bemerkenswerte Persönlichkeit, obwohl er
inzwischen schon 342 Jahre tot ist.