Seeschlacht bei Abukir (August 1798)
 

Ende des achtzehnten Jahrhunderts tobte in Europa wieder einmal die Kriegsfurie, die Armeen Frankreichs hatten die Revolution über die Grenzen ihres Landes getragen; sie überrannten die Niederlande, siegten unter dem jungen korsischen Offizier Napoleon Bonaparte in Italien, schlugen die Österreicher in Oberitalien und zwangen sie 1797 zum Frieden von Campo Formio

in den Köpfen des Direktoriums - des fünfgliedrigen Komitees des Nationalkonvents, das Frankreich ab 1795 regierte spukte jetzt der Gedanke an eine Invasion Englands, ein Plan, den General Hoche bereits 1795 vorgetragen hatte, mit dem jedoch das Direktorium bis zur Niederlage Österreichs warten wollte und das war zwei Jahre später der Fall, jetzt hatte man Truppen frei, die zu einer mächtigen "Englandarmee" umgruppiert wurden, zwar war der Schöpfer des Invasionsplanes inzwischen gestorben, aber mit dem erst neunundzwanzigjährigen General Bonaparte hatte das Direktorium einen Offizier mit überragenden Führungsqualitäten, dem es den Oberbefehl über die Englandarmee übertrug mit der Anweisung, einen Großangriff über den Kanal mit allen Mitteln vorzubereiten

Bonaparte kniete sich sogleich in sein neues Aufgabengebiet, doch je mehr er sich mit dem Plan beschäftigte, desto weniger wollte er ihm gefallen, und am 23. Oktober 1797 hatte das überraschte Direktorium Bonapartes Denkschrift auf dem Tisch, in der dieser erklärte, daß eine Landung auf englischem Boden nicht durchführbar sei, Frankreich habe eben nicht die Seeherrschaft, würde sie auch auf Jahre hinaus nicht besitzen, und so sei das Unternehmen zu gewagt. "Ein Angriff auf England ohne Seeherrschaft würde die kühnste und schwierigste Operation sein, die je unternommen wurde!", alternativ schlug Napoleon eine Invasion Ägyptens vor mit dem Ziel, die englische Stellung in Asien durch eine Bedrohung Indiens zu schwächen und den britischen Osthandel zu unterbinden

das Direktorium ließ sich überzeugen und übertrug Napoleon im März 1798 die Befehlsgewalt über die aufzustellende ,Orientarmee", dieser begann unverzüglich mit den Vorbereitungen, die sich über sämtliche Häfen an der französischen und italienischen Riviera erstreckten, eine gewaltige Transportflotte musste aufgestellt werden, um die 30 000 Mann Infanterie, 2800 Kavalleristen, 60 Feld- und 40 Belagerungsgeschütze mit den dazugehörigen Artilleristen, zwei Kompanien Mineure und Pioniere an Bord zu nehmen

als die Invasionsflotte nach kaum mehr als zweimonatiger Vorbereitung Mitte Mai seeklar war, hatte man die Expeditionsarmee auf dreihundert Transportschiffen untergebracht, die alle in italienischen Häfen requiriert worden waren, geleitet wurde diese Armada von dreizehn Linienschiffen, sieben Fregatten und einigen Kanonenbooten unter dem Befehl des fünfundvierzigjährigen Admirals Franois Paul Brueys D'Aigalliers, eines Offiziers, der auf Drängen Napoleons zum Befehlshaber des Geschwaders ernannt worden war

Brueys hatte bei Ausbruch der Revolution 1789 noch den Rang eines Leutnants bekleidet, war jedoch sehr schnell zum Flaggoffizier avanciert, nachdem gut zwei Drittel der französischen Marineoffiziere ihren Kopf unter der Guillotine hatten lassen müssen, ein Admiral also, der nicht die geringste Erfahrung zum Führen einer Flotte mitbrachte, Brueys' Geschwader selbst bestand aus den Resten der Levante-Flotte: "....alte, halbverfaulte Schiffe, kaum in der Lage, die Erschütterung des eigenen Artilleriefeuers auszuhalten!", die Schiffe, bei der Evakuierung Toulons 1793 der Zerstörung durch die Engländer entgangen, waren tatsächlich in einem derart jämmerlichen Zustand, daß sogar einige Geschütze von Bord genommen werden mussten, da nicht sicher war, ob die morschen Decks ihr Gewicht aushielten und mit dieser Flotte ging Napoleon an Bord des Flaggschiffes "L`ORIENT" am 19. Mai 1798 von Toulon aus mit Kurs auf Alexandria in See, ein gewagtes Unternehmen, das ihm seine erste große Niederlage einbringen sollte

auf britischer Seite wusste man, daß die Franzosen eine große Sache planten, denn die Vorbereitungen, zu einem solchen Unternehmen ließen sich nicht geheimhalten, das Ziel Ägypten aber kannten nur sechs Leute: Napoleon und das Direktorium

um Klarheit zu schaffen, erhielt der neununddreißigjährige Konteradmiral Horatio Nelson am 2. Mai den Befehl, mit drei 74-Kanonen-Linienschiffen und drei Fregatten in den Löwengolf zu segeln und vor Toulon aufzuklären, dort lief er am 20. Mai in einen fürchterlichen Sturm hinein, der das kleine Geschwader mit voller Gewalt traf, Nelsons Flaggschiff "H.M.S. VANGUARD" wurde in dem tobenden Sturm entmastet und fast zum Wrack; die Fregatten hatte der Sturmwind so weit auseinandergetrieben, daß sie nach Gibraltar zurückliefen, nachdem die "VANGUARD" unter unsäglichen Mühen innerhalb vier Tagen auf See repariert werden konnte, erfuhr Nelson am 28. Mai von einem zufällig vorbeifahrenden Kauffahrer, daß die französische Flotte bereits unterwegs sei, wohin, wusste allerdings niemand

am 7. Juni erhielt Nelson Verstärkung, zehn weitere Linienschiffe - ebenfalls 74er - und eine Fregatte hatte ihm Lord St. Vincent geschickt mit der Aufgabe " .... mit allen Kräften die vom Feind in Toulon ausgerüsteten Einheiten zu nehmen, zu verbrennen oder zu versenken", zwei Monate hörte St. Vincent von Nelson keine Silbe, was nicht nur ihm schlaflose Nächte bereitete; auch die Admiralität war in Sorge, doch Nelson folgte zunächst Brueys' Kurs entlang der italienischen Küste und glaubte schon Sizilien als Ziel Napoleons, am 17. Juni hörte Nelson in Neapel von einem Angriff der Franzosen auf Malta und fünf Tage später unterrichtete ihn der Kapitän einer vorbeifahrenden Brigg von dem Fall der Insel, die Ritter des heiligen Johannes hatten sich Napoleon ergeben, jetzt war auch Nelson klar, wohin sein Gegner wollte: nach Alexandria, sofort nahm er Kurs auf die ägyptische Hafenstadt, segelte auf direktem Weg dorthin - um am 26. Juni dann festzustellen, daß der Hafen leer war, enttäuscht verließ er mit Ostkurs Alexandria, was er nicht wusste: In den Abendstunden des 22. Juni hatten seine Schiffe im dichten Nebel den Kurs der französischen Flotte gekreuzt

auf der Suche nach dem Feind durchkreuzte Nelson das Mittelmeer, übernahm am 19. Juli in Syrakus Proviant, stach am 25. wieder mit östlichem Kurs in See und erfuhr endlich vor Griechenland, daß die französische Armada vier Wochen zuvor Kreta mit südöstlichem Kurs passiert habe, sofort nahm er wieder Kurs auf Alexandria und am Nachmittag des 1. August passierte die britische Flotte den mit Transportern vollgestopften Hafen, sie steuerte mit achterlichem Wind direkt auf die französischen Linienschiffe zu, deren Masten weiter östlich die Bucht von Abukir überragten

die Schiffe Admiral Brueys befanden sich in einer denkbar ungünstigen Lage, entgegen der Anweisung Napoleons, in Alexandria einzulaufen, hatte der von einer panischen Angst vor Strandungen besessene Brueys seine Linienschiffe in, die Bucht von Abukir verholt, eine fragwürdige Entscheidung, denn der Hafen war mit wenigstens 8,20 m Tiefe vermessen und sein größtes Schiff hatte nicht mehr als 6,10 m Tiefgang, während die Bucht von Abukir für Brueys unbekanntes Gewässer bedeutete, in dieser halbkreisförmigen Bucht, die sich von dem Kastell Abukir mit der vorgelagerten gleichnamigen Insel bis zur Rosettamündung des Nils erstreckte, ließ Brueys seine Schiffe in einer langen Reihe parallel zum Land mit jeweils zwei Schiffslängen Abstand gut drei Meilen vor der Küste zu Anker gehen, lediglich die vier Fregatten Konteradmiral Decrès lagen außerhalb der Gefechtslinie etwas dichter unter Land

ein weiteres Problem Brueys' war, daß seine Linienschiffe derzeit nicht voll besetzt waren, gut die Hälfte der Besatzungen befand sich zu Arbeitseinsätzen und auf Nahrungssuche an Land und konnte so schnell nicht zurückgerufen werden, so daß die Schiffe alles andere als gefechtsklar waren, als jetzt das britische Geschwader auftauchte, Brueys, der noch nie eine Flotte im Gefecht geführt hatte, ließ eiligst Taue zwischen den Schiffen ausbringen, um so ein Durchbrechen des Gegners durch die Linie zu verhindern, doch die kampferprobten Briten hatten bereits die Chance erkannt, die der französische Geschwaderchef ihnen bot, er lag mit seinen Schiffen ganz einfach zu weit vor der Küste

Captain Foley auf "H.M.S. GOLIATH", die nach der lotenden "ZEALOUS" als zweites Schiff in die Bucht hineinsegelte, schob sich zwischen der Insel und dem französischen Spitzenschiff "LE GUERRIER" hindurch und befand sich somit in Feuerlee der Franzosen, die mit Mühe und Not die Batterien zur Seeseite hin besetzt hatten und auf einen Angriff von der Landseite nun wirklich nicht vorbereitet waren, Foleys Initiative bestimmte den Verlauf der Schlacht, seiner "GOLIATH" folgten "AUDACIOUS", "ORION" und "THESEUS", während Nelson mit dem Rest des Geschwaders von See her angriff, so konnten die Franzosen von zwei Seiten unter Feuer genommen werden

längst waren die britischen Schiffe gefechtsklar, die Stückpforten geöffnet, die Geschütze ausgerannt, die Mannschaften hockten kämpfbereit in den niedrigen, blutrot gestrichenen Batteriedecks an ihren Kanonen und warteten auf den Feuerbefehl

mit dem Nachlassen des Tageslichts kurz nach 18 Uhr eröffneten die Backbordbatterien der "GOLIATH" das Feuer auf das französische Spitzenschiff, die Geschütze brüllten auf, wurden durch den Rückstoß binnenbords getrieben, in fieberhafter Eile neu geladen und wieder ausgerannt, die 32pfünder des unteren und die 18pfünder des oberen Batteriedecks hämmerten in die "LE GUERRIER" hinein, deren Rumpf unter der Wucht der Einschläge erzitterte, knapp zehn Minuten dauerte das Inferno, dann war die "LE GUERRIER" entmastet - wrackgeschossen, doch ihr Kommandant, Capitaine Trulet, weigerte sich beharrlich, die Flagge zu streichen, obwohl das Schiff teilweise nur noch aus einem Heckgeschütz feuern konnte

die der "GOLIATH" folgenden "AUDACIOUS" und "ZEALOUS" vereinigten ihr Feuer auf das zweite Schiff in der französischen Linie, "LE CONQUERANT", die schweren Geschosse der unablässig feuernden britischen Linienschiffe zertrümmerten die Bordwände, Holzsplitter fegten durch die Decks, mähten die Kanoniere nieder, zwanzig Minuten dauerte das Gemetzel, folgte Breitseite auf Breitseite, dann gab die Schiffsführung der "LE CONQUERANT" auf und strich die Flagge. "Die Schlächterei im Schiff war so fürchterlich, daß die Offiziere ihre Leute nicht mehr an den Kanonen halten konnten", schrieb Capitain Gould von der "AUDACIOUS" später

während jetzt "H.M.S. ORION" das fünfte Schiff, die "LE PEUPLE SOUVERAIN" , angriff, lieferte sich die "VANGUARD" an der Steuerbordseite der französischen Linie ein heftiges Artillerieduell mit der "LE SPARTIATE", dem dritten Schiff der Linie, der Franzose leistete harten Widerstand, riss der "VANGUARD" tiefe Wunden, musste aber dann leckgeschossen, mit gefluteten Pulverkammern und zerstörten Geschützen, aufgeben, im Verlauf dieses Feuerwechsels wurde Nelson (Horatio Nelson war zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon Invalide, ein Auge hatte er 1795 bei dem Angriff auf Bastia verloren, die Schlacht von Santa Cruz auf den Kanaren 1797 kostete ihn den rechten Arm) von einem Kartätschensplitter über seinem blinden Auge in die Stirn getroffen, blutüberströmt und mit einer Gehirnerschütterung wurde der Admiral unter Deck gebracht und fiel für mehrere Stunden aus

inzwischen griff "H.M.S. DEFENCE" von der Seeseite her die im Feuer der "ORION" liegende "LE PEUPLE SOUVERAIN" an, so daß "ORION" auf das sechste Schiff in der Linie, die "FRANKLIN", wechselte, "H.M.S. BELLEROPHON" als nächstes Schiff griff das französische Flaggschiff "L`ORIENT" an, mit 120 Kanonen eines der gewaltigsten Schiffe seiner Zeit, das bekam auch die zwölf Jahre alte "BELLEROPHON" sofort zu spüren, die Breitseiten der "LE`ORIENT" zerfetzten den Rumpf des sich tapfer wehrenden Briten, der nach einstündigem Gefecht entmastet und mit zweihundert Gefallenen an Bord manövrierunfähig abtrieb

doch die "BELLEROPHON" hatte ihre Schuldigkeit getan, das französische Flaggschiff war angeschlagen und wehrte sich verzweifelt gegen "H.M.S. SWIFTSURE" und "H.M.S. ALEXANDER", die an beiden Seiten der "LE ORIENT" standen und ihre Salven in das riesige Schiff hineinfeuerten, als dort die Püttings der Besanwanten in Flammen standen, konzentrierte "SWIFTSURE" ihr Feuer auf das Achterschiff

Admiral Bruieys war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer verwundet, mit einer klaffenden Kopfwunde und weggeschossenen Beinen hockte er in einem Lehnstuhl, Kompressen um die blutenden Beinstümpfe und gab seine Befehle, bis er von einer Kanonenkugel zerrissen wurde

auf dem Flaggschiff war das Feuer außer Kontrolle geraten, die Lage des großen Dreideckers unhaltbar geworden, gegen 22 Uhr erhellte ein greller Blitz die Szene, die Druckwelle einer gewaltigen Explosion fegte durch die Bucht und riss die Männer von den Beinen, das Feuer hatte die Pulverkammern erreicht, die "LE ORIENT", der Eckpfeiler der französischen Verteidigungsstellung, war in die Luft geflogen, schlagartig verstummte der Kanonendonner, entsetzt starrten die Männer auf die leere Fläche, wo eben noch ein Schiff gelegen hatte

damit war die Schlacht endgültig entschieden, wenn auch zehn Minuten nach der Explosion der Gefechtslärm wieder auflebte, Schiff nach Schiff strich jetzt die Flagge und die Morgendämmerung des 2. August 1798 enthüllte ein unvorstellbares Bild des Grauens, das Wasser der Bucht war bedeckt mit Toten, Verstümmelten, Verbrannten, abgerissenen Gliedmaßen, rauchenden Schiffstrümmern und auf Strand gesetzten Schiffswracks, elf Linienschiffe und zwei Fregatten hatten die Franzosen verloren, mehr als 5000 Seeleute waren gefallen oder vermisst, 3500 gefangen, lediglich Konteradmiral Villeneuve war es gelungen, mit den Linienschiffen "GUILLAUME TELL" und "LE GANAREUX" sowie zwei Fregatten Decres' aus der Bucht zu fliehen und sich nach Malta abzusetzen

ein überwältigender britischer Sieg, der der Royal Navy die Vorherrschaft im Mittelmeer sicherte, die französische Orientarmee in Ägypten von jedem Nachschub abschnitt und somit isolierte, Napoleons Plan eines Vormarsches nach Indien war damit gescheitert, er selbst ließ seine Truppen im Stich und begab sich in Alexandria am 23. August 1799 an Bord einer Fregatte, die ihn nach Frankreich zurückbrachte, seine Orientarmee kapitulierte zwei Jahre später

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