Die Schlacht von Fehrbellin am 18. Juni 1675

 

auf der Anhöhe von Linum im Osthavelland steht ein kleines Denkmal, die darauf angebrachten Worte sind kaum noch zu entziffern: »Hier legten die braven Brandenburger den Grundstein für Preußens Größe.«, unweit davon, bei dem kleinen Städtchen Fehrbellin, schlug Kurfürst Friedrich Wilhelm I. am 18. (28. - durch die unterschiedliche Zeitrechnung die evangelischen Stände nahmen den »verbesserten Kalender« erst 1700 an - geben die Quellen beide Daten an, der genaue Termin der Schlacht ist nicht mehr eruierbar) Juni 1675 die Schweden und schuf damit die Grundlagen für den späteren Aufstieg seines Kurfürstentums zur europäischen Großmacht, denn Fehrbellin war der erste Sieg der brandenburgisch-preußischen Waffen und ein militärischer Triumph des »Großen Kurfürsten«

das letzte Drittel des siebzehnten Jahrhunderts war ausgefüllt mit den »Raubkriegen« des französischen Königs Ludwig XIV, das Reich war ohnmächtig und seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) in mehr als fünfhundert unabhängige Territorien aufgespalten - ein staatsrechtliches »Monstrum«, wie es der gelehrte Samuel Pufendorf nannte, zwei mächtige Feinde bedrohten es: Frankreich und das mit ihm verbündete Schweden

ein Feldzug der vereinigten Reichstruppen hatte schon 1672 kläglich geendet, und der brandenburgische Kurfürst, der auch daran beteiligt gewesen war, konnte in einem Separatfrieden mit Frankreich gerade noch seine verstreuten rheinischen Besitzungen retten, 1674 rief der verzweifelte Reichstag erneut zum Krieg gegen Frankreich auf und Brandenburg stellte Truppen, ebenso wie Österreich, Spanien und die Vereinigten Niederlande, am 26. Dezember schlug der französische Marschall Turenne die Verbündeten bei Türkheim im Elsaß mühelos und die ganze Armee lief schnell wieder auseinander, doch Kurfürst Friedrich Wilhelm hatte die Reste seiner Truppen gesammelt ‑ es waren noch knapp 15.000 Mann, davon mehr als die Hälfte Berittene ‑ und in der Gegend von Schweinfurt ins Winterquartier gelegt

da kam die Kunde, ein schwedisches Heer sei von Pommern aus in die Uckermark und die Neumark eingefallen, mit neun Infanterieregimentern, sechs Regimentern Kavallerie, 38 Feldstücken (Kanonen) und vier schweren Mörsern hatten sie bei Stettin die Oder überschritten, die befestigten Plätze Havelberg, Rathenow und Brandenburg besetzt, sich bis auf Kanonenschussweite der Festung Spandau genähert, zwar kam Feldmarschall Wrangel, wie es hieß, als Freund und Verbündeter, aber das hinderte seine Truppe keineswegs in den märkischen Dörfern ebenso grausam zu hausen wie dreißig Jahre zuvor die Horden Baners, Schreckensnachrichten von verbrannten Dörfern. geschändeten Frauen und geplünderten Kirchen verbreiteten sich

der Kurfürst begann nun eine fieberhafte diplomatische Tätigkeit, er reiste nach Den Haag, verhandelte mit den Vertretern Österreichs und Dänemarks erntete aber überall nur Bedauern, wer wollte schon mit den mächtigen Schweden anbinden und was hatte das kleine, unbedeutende Brandenburg schon zu bieten, da beschloss er, auf eigene Faust zu handeln, insgeheim wohl hoffend, die schwankenden Verbündeten noch mitzureißen

sein Feldmarschall Derfflinger meldete das Heer kampfbereit, der fast siebzigjährige Haudegen, der aus dem oberösterreichischen Neuhofen stammte und sich angeblich vom Schneidergesellen zum Marschall emporgearbeitet hatte, wurde von den Soldaten vergöttert, in drei Kolonnen brach das Reiterheer am 4. Juni von Schweinfurt auf; die Fußtruppen wurden auf Wagen gesetzt, und in einem für die damaligen Zeiten unerhört raschen Marsch durchquerten sie Thüringen, in knapp vierzehn Tagen - einen Ruhetag hatte der fromme Kurfürst als allgemeinen Fast-, Buß- und Bettag eingelegt - legte das Reiterheer an die fünfhundert Kilometer zurück und das, obwohl weder Reiter noch Pferde für solche Aufgaben ausgebildet waren, denn die Reiterei war ja damals noch nicht die gedrillte und reiterlich geschulte Schlachtenkavallerie späterer Epochen, die Kürassiere waren schwerfällige Panzerreiter, die Dragoner eigentlich nur berittene Infanterie

die Bewaffnung der berittenen Truppe bestand aus dem schweren Pallasch (Reitersäbel) und der Lanze, die Dragoner führten die Luntenschloßmuskete, die sie aber nur im Fußkampf benutzen konnten, Schnapphahnflinten, obwohl schon erfunden, waren selten, Reiterpistolen unzuverlässig, und nur wenige besaßen sie, die Uniformierung der Truppe war nicht einheitlich; vielmehr bestimmte der Oberst die Waffenrockfarbe seines Regiments, bei den Brandenburgern herrschte allerdings das Blau vor, das dann nach und nach, als Dunkelblau, die Waffenfarbe der gesamten preußischen Infanterie wurde, die Fußtruppen trugen wollene Strümpfe und Schnallenschuhe, breitkrempige Hüte, mit Federn geschmückt, Pulverflasche und Kugelbeutel wurden, ebenso wie das Spundbajonett, an naturlederfarbenen Bandeliers getragen, bei den Kürassieren war von der ehemals schweren Panzerung nur noch der geschwärzte Brustharnisch übriggeblieben und an die Stelle des Visierhelms die von den Türken übernommene leichte Blechhaube, die Zischägge, getreten, die Offiziere kleideten. sich ganz nach eigenem Geschmack, nur der Ringkragen aus Edelmetall, das Sponton, eine kurze Stangenwaffe und der Kavaliersdegen machten sie kenntlich

das Heer erreichte Magdeburg, als dessen Kommandant mit den Schweden bereits über die Kapitulation verhandelte, nun war Friedrich Wilhelms nächstes Ziel die Festung Rathenow an der Havel, er wusste, daß sie nur von einem schwachen Regiment besetzt war, konnte Rathenow genommen werden, war ein wichtiger Havelübergang gesichert und die schwedische Aufstellung in zwei Teile gespalten, einzeln konnte man dann vielleicht die schwedischen Heeresteile schlagen ...

der Kurfürst setzte 1200 ausgesuchte Musketiere auf 46 Wagen, die zudem noch mit Kähnen beladen waren, mit deren Hilfe man die zahlreichen Wasserläufe der Mark überwinden konnte. 5000 Berittene und 14 leichte Feldstücke begleiteten den Wagenzug, es war gegen vier Uhr früh, der Regen goss in Strömen, als der alte Derfflinger mit ein paar Reitern das Stadttor von Rathenow erreichte, »Versprengte vom Regiment Wangelin!« rief er und verlangte energisch Einlaß, die Wache zögerte, da wurde er immer eindringlicher und gab sich als schwedischer Leutnant aus, endlich ließ die Wache die Zugbrücke fallen und mit der Faust schlug der Alte dann zu, indes seine Reiter mit gezogenem Säbel über die Brücke sprengten und die überraschte schwedische Wache niedermachten, inzwischen hatten sechshundert Musketiere mit ihren Kähnen die Wassergräben von Süden her überwunden und waren über die Stadtmauer gestiegen, der Rest des Fußvolks griff ungestüm das Mühlentor an, Artillerie setzte man nicht ein, um die eigene Stadt zu schonen

nach zwei Stunden war das ganze schwedische Regiment überwunden und dessen Oberst gefangen, die schwedischen Soldaten wurden von den wutentbrannten Brandenburgern fast bis auf den letzten Mann niedergemacht und ihre Offiziere hinderten sie nicht daran, zu groß war die Erbitterung gegen die grausamen Eindringlinge

nun erkannten auch die Schweden den Ernst der Situation, und Generalleutnant Wrangel, der Bruder des erkrankten Feldmarschalls, der nun den Oberbefehl übernommen hatte, brach von Havelberg auf, Friedrich Wilhelm schickte zahlreiche Vorausabteilungen los, welche die meisten Brücken und Dämme in der trostlosen, von unzähligen Rinnsalen durchzogenen Moor- und Sumpflandschaft des »havelländischen Luchs« zerstörten, Obristlieutenant Hennig, genannt »von Treffenfeld«, überfiel bei Bennewitz sogar die schwedische Arrieregarde (Nachhut) und hieb sie so zusammen, daß der ganze Weg durch die sumpfigen Wälder mit zerbrochenen Wagen, weggeworfenen Waffen und Kürassen bedeckt war

die Schweden wußten, daß ihr einziger Weg aus dem Luch der »Fehrbelliner Paß« war, ein primitiver Übergang über den Rhin, halb Knüppeldamm, halb Brücke, hier mußten sie sich zum Kampf stellen, denn die Vorhut der Brandenburger unter dem Prinzen von Homburg war bereits da

zwischen Linum und dem Dorf Hackelberg stellte Wrangel seine Truppen auf, es war eine recht starke Position, links lehnte er sich an das unpassierbare Luch an, rechts an den dichten, undurchdringlichen Dechtover Forst, gegen acht Uhr früh begann der Kampf, die Schweden waren 11.000 Mann stark - davon 42 Kompanien zu Pferde - und besaßen noch alle ihre 38 Regimentsstücke (leichte Feldkanonen), der Kurfürst erkannte jedoch mit sicherem Blick einen schwachen Punkt in ihrer Stellung, die Schweden hatten nämlich versäumt, einen kleinen, etwas bewaldeten Sandhügel zu besetzen. »Dorthin meine Artillerie!« kommandierte er, im Galopp jagten die Geschützgespanne auf die Anhöhe, von wo sie die ganze schwedische Front mit ihrem Feuer beherrschten, zu spät erkannten die Schweden ihren Fehler, zwar attackierten zwei Regimenter die brandenburgischen Batterien, doch Friedrich Wilhelm, dessen ganzes Fußvolk noch im Anmarsch war, ließ blitzschnell 800 Derfflinger-Dragoner absitzen und setzte sie als Musketiere ein, sie hielten tapfer stand, als sich die eigentliche brandenburgische Reiterei schon zur Flucht wandte, in diesem kritischen Moment soll der Herrscher selbst das Kommando übernommen und seine Soldaten mitgerissen haben, zugleich sprengte aber auch der Prinz von Homburg an der Spitze seines Regiments heran und fiel den Schweden in die Flanke, so rettete er die Batterien, die schwedische Kavallerie flutete zurück

Heinrich von Kleist hat in seinem klassischen Drama »Der Prinz von Homburg« aus diesem Eingreifen des Prinzen einen Fall von befehlswidrigem Verhalten gemacht, das ist reine Dichtung. Prinz Friedrich II. von Hessen-Homburg (»mit dem silbernen Bein«) war damals ein Mann von zweiundvierzig Jahren und trug eine hölzerne Beinprothese mit silbernen Gelenken, seit ihm 1659 vor Kopenhagen eine Kanonenkugel den Unterschenkel abgerissen hatte, er war ein tüchtiger Reiterführer, aber kein jugendlicher Hitzkopf

nacheinander, wie die brandenburgischen Regimenter eintrafen, warf der Kurfürst sie nun in die Schlacht, die immer mehr zum reinen Reitergefecht wurde und nur der Säbel entschied, mehr als einmal war der Kurfürst mitten im Getümmel und es wird berichtet, daß ihn neun Dragoner mit der blanken Waffe aus dem dichtesten Gewühl heraushauen mußten, je mehr brandenburgische Reiter in das Gefecht eingriffen, desto schwächer wurde der Widerstand des Gegners, zuletzt erschien in vollem Galopp und von Trompetenschall begleitet das Franckenbergsche Regiment, das von Berlin in einem Gewaltritt herangekommen war, auf dem Schlachtfeld, Derfflinger kommandierte es auf den äußersten linken Flügel, gegen den Ort Fehrbellin, um den Schweden damit den Rückzug zu verlegen, diese zogen sich nämlich schon entlang des Moores nach Fehrbellin zurück und ein Teil ihres Fußvolks begann bereits fluchtartig den »Paß« zu überqueren

es war inzwischen schon fast zehn Uhr abends geworden, und es dunkelte, der Kurfürst ritt über das morastige Schlachtfeld, das mit sterbenden Kriegern und Pferdekadavern übersät war, vor den Toren von Fehrbellin gelang es den Brandenburgern noch, das tapfere schwedische Regiment Dalwig, das aufopferungsvoll den Rückzug der Armee deckte, einzukreisen und völlig niederzureiten, dann donnerten nur noch die Kanonen und beide Parteien waren total erschöpft

der Feuerschein des brennenden Fehrbellin erhellte die Szene, die Schweden hatten sämtliche Häuser angezündet, vielleicht hätten sie den Ort noch halten können, aber ihre Soldaten waren schon demoralisiert und der schwache Waldemar Wrangel konnte sie nicht mehr ermuntern, sie hatten 2500 Mann an Gefallenen verloren, acht Fahnen, zwei Standarten, sechs Geschütze und über 2000 Bagagefahrzeuge, auch viele tausend Stück geraubten Viehs fielen den Siegern in die Hände, die Brandenburger hatten nicht mehr als 400 Mann zu beklagen

noch vor dem Morgengrauen zogen die Schweden ab und verbrannten hinter sich die Brücke, über Malchin und Dommin gingen sie nach Pommern zurück, alles hinter sich anzündend, verheerend, zerstörend, die brandenburgischen Reiter konnten ihnen nur schwer folgen, aber sie blieben ihnen auf den Fersen, doch die Marken waren - bis auf den festen Platz Löcknitz - wieder frei vom Feind

in einem elsässischen Volkslied wurde Friedrich Wilhelm alsbald als der »Große Kurfürst« besungen und unter diesem Namen kennt ihn die Geschichte, die Nachricht vom Sieg - so unglaublich sie klingen musste - verbreitete sich wie ein Lauffeuer in ganz Deutschland, tatsächlich war Fehrbellin in mehrfacher Hinsicht bedeutungsvoll: Es gelang einem fast reinen Reiterheer, ohne größere infanteristische Unterstützung und fast ohne Artillerie, zudem in einem für Kavallerie ungünstigen Gelände, eine intakte, überlegene Armee zu schlagen; zum anderen hatte auch ein kaum beachteter Kleinstaat einer Großmacht erfolgreich widerstehen können

aber daß der Sieg kein Zufall, sondern die Frucht konsequenter Truppenausbildung und Disziplin, aber auch der Wehrhaftigkeit des ganzen Staates war, bewiesen die militärischen Erfolge der nächsten Jahre: Noch 1675 nahmen die Brandenburger die Inseln Usedom und Wollin sowie die Festung Wolgast, 1677 wurde nach einer schweren Belagerung Stettin überwältigt, im folgenden Jahr der Übergang nach Rügen erzwungen und Stralsund sowie Greifswald konnten erobert werden, mit tausend Schlitten jagte der Kurfürst mitten im Winter die fliehenden Schweden über das Kurische Haff bis nach Riga

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