Die Schlacht von Sempach am 8. Juli 1386
 

mit dem Mut der Verzweiflung stürmten die Eidgenossen gegen die eherne Wand der gepanzerten Ritter, aber ihre Hellebarden waren zu kurz; viel kürzer als die Lanzen der Ritterschaft, ihre kurzen Schwerter, ihre Streitäxte und auch die schweren Morgensterne konnten sie nicht einsetzen ... doch da trat einer von ihnen ganz allein vor: Es war der bärenstarke Arnold von Winkelried, mit seinen Armen umfasste er sechs, acht Speere, die sich ihm drohend entgegenreckten, umklammerte sie und lenkte sie in die eigene Brust, das gab den anderen Gelegenheit, sich mit Geschrei in die Gasse zu stürzen, die nun entstanden war und den Rittern in die Seite zu fallen, sterbend sah Winkelried noch, wie die Eidgenossen siegten ...

eine schöne Heldenlegende, die allerdings - wie so manche in der Schweizer Geschichte - in das Reich der Sage gehört, da sie recht unwahrscheinlich ist und sich in dieser Form, wie das alte 56strophige Sempacher Schlachtlied sie beschreibt, kaum zugetragen haben kann, dennoch war der heiße Sommertag des Jahres 1386 ganz entscheidend für das Entstehen der Unabhängigkeit der Schweiz, und kein anderes Ereignis wird vom gesamten Schweizervolk so sehr gefeiert wie die blutige Schlacht von Sempach

schon hundert Jahre vorher, anno 1291, hatten sich die drei "Urkantone" Schwyz, Uri und Unterwalden zum "Ewigen Bund" zusammengeschlossen und von der Herrschalt der Grafen von Habsburg losgesagt, das war um so leichter gelungen, als der Graf Rudolf im Jahre 1273 zum Deutschen König gewählt worden war und sich nun mehr um seine österreichischen Herzogtümer, die er nach seinem Sieg über den Böhmenkönig Ottokar erworben hatte und um das Reich kümmern musste, als um die schweizerischen Lande

dennoch hatten die Habsburger immer wieder versucht, auch ihren angestammten Besitz wieder zurückzuerobern: 1315 war ein Ritterheer unter Herzog Leopold I. gegen die Eidgenossen marschiert, aber bei Morgarten von einem Schweizer Bauernaufgebot in einen Hinterhalt gelockt und nahezu vernichtet worden

diese Schlappe hätte der Ritterschaft eigentlich zu denken geben müssen, aber vielleicht wollte man es einfach nicht wahrhaben, dass die Zeit abgelaufen war, die Epoche der schwergepanzerten, berittenen Aristokraten, die ehrenhaft, fair und nach genau festgelegten Regeln kämpften, denn noch lange vor der Einführung der Feuerwaffen war eine andere Taktik aufgekommen: der Gevierthaufen - die Taktik der armen Leute, der unterdrückten Bauern und der aufstrebenden Bürger, sie hatten keine kostbaren Rüstungen wie die adeligen Herren, keine starken Streitrösser, keine langen, kunstvoll geschmiedeten Schwerter und so scharten sie sich in dichten quadratischen Haufen zusammen, sie kämpften nicht einzeln, sondern dicht zusammengedrängt, sie besaßen auch kaum Schutzwaffen; vielleicht der eine oder andere ein Kettenhemd, mancher einen blechernen Helm, Ihre Hauptwaffe war die Hellebarde, eine Stangenwaffe, die sich sowohl zum Hauen als auch zum Stechen eignete und mit der man wohl auch einmal einen gepanzerten Ritter fassen und aus dem Sattel zerren konnte, daneben wurden Sensen, Sicheln und Äxte, wie sie der Bauer bei seiner täglichen Arbeit brauchte, für den blutigen Streit umgearbeitet, nicht zu vergessen der gefürchtete Morgenstern, eine schwere, mit Eisenspitzen besetzte Kugel, die an einem Stiel mit Kette mit lautem Geschrei über dem Kopf geschwungen wurde und - wenn sie traf - auch einen gepanzerten Gegner fällen konnte

neben den Bauern, die sich nun gegen die Adelsherren auflehnten, waren es auch die Bürger in den Städten, die zu einem gewissen Wohlstand gekommen waren, mit ihrem Geld konnten sie auch die angeworbenen Kriegsknechte bezahlen, das waren gewissermaßen Berufssoldaten, die im Gevierthaufen Führungsaufgaben erfüllten, auch bei Sempach hatten die Schweizer 800 rheinische und niederländische Knechte in ihrem Sold, was diese Bauernhaufen aber am meisten auszeichnete, war ihre wilde Entschlossenheit, ihr unbändiger Wille, endlich mit den Herren abzurechnen, von denen sie jahrhundertelang unterdrückt worden waren

im Frühjahr 1386 sammelte Herzog Leopold III. von Österreich - er war der Neffe jenes Leopold I., den die Schweizer anno 1315 bei Morgarten geschlagen hatten - wieder ein Heer, um gegen die unbotmäßigen Schweizer zu Felde zu ziehen, den drei Kantonen, die sich einst zum "Ewigen Bund" vereinigt hatten, hatten sich inzwischen noch die Städte Luzern, Zürich, Glarus, Zug und Bern angeschlossen, auch sympathisierten die Eidgenossen mit den benachbarten Orten und den aufrührerischen süddeutschen Städten, ihr erstes Ziel war die Stadt Rotenburg; die Orte Entlibuch und Sempach, beide österreichischer Besitz, hatten sich schon von Habsburg losgesagt

Herzog Leopold III. hatte es nicht leicht, seinen Heerbann zusammenzubringen, sein Bruder Albrecht, mit dem er sich die Herrschaft über die Herzogtümer geteilt hatte, ließ ihn glatt im Stich, so rief er die Ritterschaft seiner eigenen Länder zur Heerfolge auf und warb dazu noch zahlreiche Soldritter - Raufbolde aus ganz Europa -, die für gutes Geld und Aussicht auf Beute mitzogen, um sein Vorhaben zu finanzieren, hatte der Herzog sogar einige seiner oberitalienischen Besitzungen, so die Städte Feltre und Belluno, an die reichen Venezianer verpfänden müssen, Leopold - damals gerade 35 Jahre alt - war ein kriegslüsterner Mann, er galt als die "Blume der Ritterschaft" und hatte einen Großteil seines Lebens auf den italienischen Schlachtfeldern verbracht, nach der Erbteilung mit seinem Bruder (1379) regierte er alle habsburgischen Länder mit Ausnahme des Herzogtums Österreich (gemeint ist damit nur das Gebiet der heutigen Bundesländer Ober- und Niederösterreich) - also Tirol, Kärnten, Friaul, Istrien, das Etschland, den Sundgau, den Breisgau; aber auch die späteren schweizerischen Kantone Aargau, Thurgau und die Stadt Schaffhausen gehörten noch zu, seinem Machtbereich

im Breisgau sammelte er auch sein Heer, in Brugg hielt er glanzvolle Heerschau und marschierte dann gegen die Eidgenossen, zunächst gegen Luzern, die Stadt am Vierwaldstätter See, denn von Luzern hatten die Bürger von Sempach das "Burgrecht" genommen, das heißt, sich unter den Schutz der Stadt gestellt und sich damit von ihrem Herrscherhaus losgesagt, so etwas aber forderte blutige Rache

es war ein stolzer Zug, der sich da mit wehenden Bannern, von Trompetenschall begleitet, gegen die Schweizer Kantone bewegte, etwa 700 "Cleven" hatte der Herzog um sich gesammelt, Cleven bedeutete "Lanzen", also Ritter, und jeder einzelne der stolzen Herren hatte noch rund ein Dutzend Knappen und Knechte um sich, die ihn bedienten und im Kampf als leichtbewaffnete Armbrustschützen oder Steinschleuderer mitfochten, der Ritter trug seinen blinkenden Plattenharnisch, dazu den Topf- oder sogar schon den kostbaren, wappengeschmückten Visierhelm - Meisterwerke der Plattnerkunst, bewaffnet waren die adeligen Herren mit dem langen Schwert und der ,dreimännerlangen" (14 bis 16 Fuß) eisenbewehrten Lanze und auch ihre schweren Streitrösser trugen Panzer...

"Die Switzer wendt wir toeten, das junge und das alte bluot" war ihr Schlachtruf, wie uns der Berner Chronist Konrad Justinger überliefert hat, ihr Hochmut war groß, vor dem Heerbann zog eine zweihundert Mann starke Rotte und hieb mit Sensen und Sicheln alle Frucht auf den Feldern und in den Gärten nieder, der Vortrupp hatte auch einen Wagen bei sich, beladen mit Stricken und "Helsigen" - die Stricke, um die Schweizer Bürger und Bauern allesamt daran aufzuhängen, die Helsige (Halfter), um das Vieh der Feinde wegzuführen

den Eidgenossen waren das Herannahen der Streitmacht natürlich nicht verborgen geblieben, doch erwarteten sie den Hauptstoß des Herzogs gegen Zürich und hatten dort ihre Kräfte - mehr als 10 000 Mann - versammelt, in die Stadt Sempach hatten sie lediglich 2000 Mann Hilfstruppen gelegt, doch Leopold ließ den Hauptort der Schweizer links liegen und plünderte in aller Ruhe die Orte Pfäffikon, Bülach und Rümlang

am Sonntag, 08.Juli 1386, zog er mit großem Gepränge in Sursee, einem noch treu gebliebenen Ort, ein, hier empfing er huldvoll die Abgesandten aus der Umgebung und erteilte einer Reihe vornehmer junger Leute, die ganz begierig auf den bevorstehenden Kampf waren, den Ritterschlag, am anderen Tag brach das ganze Heer auf, um die Sempacher für ihren schändlichen Abfall zu bestrafen, in drei Kolonnen marschierte der Heerbann, eine Abteilung dicht am Ufer des Sursees, eine auf dem Höhenrücken und eine dritte gegen Willisau, um die rechte Flanke zu decken

aber die Aufklärung dürfte nicht allzu gründlich gewesen sein, denn sonst hätte es nicht geschehen können, dass Leopolds Mannen noch in der Marschordnung plötzlich auf die kampfbereiten Schweizer stießen, beim Meierholz an der Straße nach Hiltisrieden hatten die Eidgenossen einen gewaltigen "Letzi" - einen Verhau aus 500 Baumstämmen - errichtet, der ihrem Angriffskeil als Rückhalt dienen sollte

kaum sahen die jungen Ritter des ersten Treffens den Feind, da stürzten sie sich auch schon mit Geschrei auf sie, am "Letzi" kam es zum ersten Handgemenge - doch überall behielten die Ritter die Oberhand, Herzog Leopold, der sich beim zweiten Treffen befand, hörte den Kampflärm, sah die Waffen in der Sonne blinken und gab seinen Rittern den Befehl zum Angriff und als sie mit blitzenden Schwertern und eingelegten Lanzen heransprengten, "um die Buben zu erstechen mit den Speeren", wie der Chronist berichtet, waren schon 60 Eidgenossen gefallen - unter ihnen auch der wackere Luzerner Bürger Reber -, ohne dass auch nur ein einziger der Österreicher verwundet worden wäre

als dann das Banner von Luzern sank, war der Herzog seines Sieges sicher, die Schweizer gingen zwar zurück, aber sie bildeten erneut ihren Angriffskeil, in der Mitten standen die Luzerner, links die Schwyzer, rechts die Ob- und Nidwaldner, die Eidgenossen wussten jetzt, worum es ging: Sieg oder Tod, Überwindung der Ritter oder Gehängtwerden, in diesem Moment, die Sonne hatte fast ihren höchsten Stand erreicht und brannte auf die Panzerplatten der Ritter - gab der Herzog seinem Heer den Befehl zum Absitzen, zu Fuß wollte er mit den ungepanzerten, hellebardenschwingenden Feinden fertig werden, die Knappen halfen den Gewappneten aus dem Sattel, führten die Schlachtrösser zurück und die Ritter formierten sich zur Schlachtreihe, ein, unverständlicher, ein verhängnisvoller Befehl ...

was aber bewog den Herzog, auf seinen entscheidenden taktischen Vorteil, die Kraft und Schnelligkeit der Pferde, zu verzichten? - Der Grund mag wohl in der Eigenart des Geländes zu suchen sein: Das Schlachtfeld, eine leicht zum Gegner hin abfallende Wiese, maß kaum 1200 mal 800 Meter und war von Wald umgeben, zudem hatten die Schweizer am Meierwald noch ihren undurchdringlichen "Letzi" errichtet, ein solches Gelände war für einen Reiterangriff somit viel zu klein, spätestens am Wald hätten die Reiter ihre Pferde parieren und abwenden müssen, dabei hätten die Ritter dem Gegner die ungeschützten Flanken ihrer mächtigen Schlachtrösser als Zielscheibe dargeboten

das musste der erfahrene Kriegsmann Leopold erkannt haben und im Vertrauen auf die überlegene Kampftechnik seiner Mannen, auf ihre langen Spieße und die Verstärkung durch das dritte Treffen der Ritterschaft, gab er wohl den Befehl, zu Fuß weiterzukämpfen - aber es kam anders -

obwohl ihr Anführer, der Luzerner Schultheiß Peter von Gundoldingen, sofort fiel, gelang es den Eidgenossen, eine Gasse in die Front der Ritter zu schlagen. - War es wirklich Winkelrieds Tat, jedenfalls gerieten die Ritter bald in ärgste Bedrängnis, sie, die gewohnt waren, ritterlich Mann gegen Mann zu kämpfen, wurden nun von Dutzenden Kämpfern umstellt, die von allen Seiten auf sie einschlugen, denn die Schweizer dachten nicht daran, sich an die überkommenen Kampfregeln zu halten, sie nahmen überwundene Ritter auch nicht gefangen, um sie später, wie es der Brauch war, gegen hohes Lösegeld wieder freizulassen - nein, sie erschlugen und erstachen sie unbarmherzig, als Leopolds Bannerträger Peter von Aarberg fiel, erscholl der laute Ruf "Retta, Östreich, retta!", die Ritter des drittens Treffens aber, angeführt vom Schwarzgrafen von Zollern und dem Freiherrn von Oberkirch, ignorierten den Hilferuf und ritten zurück, als sie das Debakel kommen sahen "Sie fliehen all dahin", ermunterten die Schweizer ihre Landsleute und die österreichischen Knechte schwangen sich auf die Schlachtrösser ihrer Herren und galoppierten davon, so fiel ein Banner nach dem anderen, um das Panier des Grafen von Saim lagen an die 300 erschlagene Ritter, das Banner von Tirol, das der Ritter Heinrich Käl von Kalliers trug, verteidigten 17 Ritter, alle fielen, 170 hatten sich um das Banner des Markgrafen Otto von Baden-Hachberg geschart - auch sie ereilte bald ihr Schicksal

die letzte Entscheidung kam, als sich der Angriffskeil der Eidgenossen teilte und ein Gewalthaufen, die Waldstätter, etwa 350 Mann stark, den Rittern in die linke Flanke fiel, vergeblich versuchte man noch, den Herzog zur Flucht zu überreden; die Ritter wollten seinen Rückzug mit ihrem Leben decken, "Lieber in Ehren sterben, als unehrenhaft weiter auf Erden wandeln", war seine trotzige Antwort, "Sie töteten noch manchen Feind", weiß die Chronik zu berichten, bis zur "lmbißzeit' auch Herzog Leopold inmitten seiner Getreuen fiel, über seiner Leiche lag der Ritter Martin Malterer, Freiburgs Bannerträger

das blutige Ringen unter der heißen Julisonne hatte knapp eine Stunde gedauert, 556 österreichische Ritter lagen erschlagen auf der Wahlstatt und mehr als 350 Helme trugen goldene Krönlein, gehörten also sehr hohen Herren, einige der Gefallenen schienen unverwundet, denn "...vill Ritter und Herren", so wieder die Chronik, "waren in ihrem Harnisch und Helman versticket, als durch Streich' und Wunden umgekommen", sie waren also in der glühenden Hitze in ihren Panzern, unter denen sie ja noch dickes Wollzeug zur Wuchtminderung der Schläge trugen, wahrscheinlich einem Hitzschlag erlegen

die Eidgenossen hatten nur 116 Mann zu beklagen, von den 18 Feldzeichen des Herzogs fielen 16 in die Hände der Sieger, ein einziges, das Banner von Aarau, kam davon, obwohl der Schultheiß, der es trug, gefallen war und mit ihm 17 Mann, das Banner von Zofingen, so wird überliefert, ist "verlorn und verrissen wurden", nachdem es der Bannerträger noch mit den Zähnen gehalten hatte, als man ihm beide Arme abhieb ...

die Eidgenossen verfolgten ihre Gegner nicht, sondern verteilten zuerst die wertvolle Kriegsbeute; immerhin hatten sie durch ihren Sieg erreicht, was den süddeutschen Städten in diesen Kriegen versagt geblieben war, sie hatten die Macht der Fürsten gebrochen

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